Über Vorsätze

Ein neues Jahr beginnt – eine Zäsur für viele Menschen. Für manche liegen die kommenden Monate gedanklich schon in klaren Strukturen vor – andere blicken einer noch etwas verschwommen wirkenden Zeit entgegen. Was kommt auf mich zu, welches Feuer kann ich neu entfachen, wo starte ich allein, wo mit anderen, wie sehe ich mich, und wie möchte ich mich sehen?
Ein Neubeginn ist eine gute Gelegenheit, sich etwas vorzunehmen. Vielleicht mehr Sport, eine bessere Ernährung oder eine erhöhte Achtsamkeit? Oder geht es auch ohne gute Vorsätze?
Vier Menschen erzählen, wie sie mit Vorsätzen umgehen.

Vorsaetze (c) kath-derendorf-pempelfort.de

Vorsätze – es gibt keinen Grund für Vorsätze! Alles, was ich mir vornehmen könnte, kann ich heute schon machen!   Nicht „Hätte“ oder „Würde“ – einfach machen. Keine Plastikflaschen mehr verwenden, keine Papiertaschentücher … das geht jetzt und heute schon. Viele Menschen verwenden viel Zeit darauf, einem zu erklären, warum etwas nicht geht – in dieser Zeit des Redens wäre die Aufgabe längst erledigt. Oder mit Erich Kästner: „Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen. Es nützt nichts, und es schadet bloß, sich tausend Dinge vorzunehmen. Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!“

Vorsätze – dazu gibt es das Bonmot: Willst Du Gott zum Lachen bringen, erzähl ihm Deine Pläne. 

Auch ich habe Wünsche und Pläne, die ich verwirklichen möchte. Jedoch: Ich halte es für sehr wichtig, offen zu bleiben: Für Überraschungen, neue Begegnungen, Herausforderungen, die Aufgaben, die das Leben stellt. Was kann das sein? Für mich war es eine große Herausforderung, meinen Vater in Krankheit und Sterben zu begleiten. Die Erkrankung kam überraschend und mit der Diagnose änderte sich alles sofort. 

Auch für manche Verhaltensänderungen wird sich eine Gelegenheit schon ergeben. Das bedeutet für mich, zu vertrauen, und führt mich zum nächsten Aphorismus: „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Ich muss meinen Weg nicht vorherbestimmen. Gott kann das viel besser als ich selbst, auch wenn ich ihn nicht immer verstehe. Und noch eins: Ich mache mir immer wieder bewusst, dass mir jedes Gelingen geschenkt ist. Ich kann mich bemühen und spüre die Aufgabe, meine Fähigkeiten zu nutzen, aber ob es gelingt, liegt nicht in meiner Hand. 
Auch das ist für mich ein Argument gegen Vorsätze.

Und was ist für mich ein Anfang? Ich besuche jedes Jahr einen Jahresschlussgottesdienst. Er ist für mich das Zurückgeben des vergangenen Jahres in Gottes Hände. Und am 1. Januar heißt es dann: Neugierig schauen, was kommt. Vorfreude. Zuversicht.

In diesem Sinn: Ihnen ein gutes und gesegnetes Neues Jahr! 

Christiane Benker

Als ich gefragt wurde, ob ich nicht einen Text über Vorsätze für die Januarausgabe 2020 schreiben wollen würde, dachte ich mir: „Klar, warum nicht“. 

Womit ich dann auch schon bei dem Problem wäre, welches ich mit meinen Vorsätzen erlebe. Denn es kommt leider immer mal wieder vor, dass ich diese Vorhaben dann doch vor mir herschiebe. So sitze ich beispielsweise auch jetzt kurz vor Redaktionsschluss am Schreibtisch, um diesen Artikel zu schreiben. 
Aus diesem Grund ist die Zahl meiner Vorsätze über die Jahre stetig kleiner geworden. Speziell für das neue Jahr nehme ich mir seit vielen Jahren schon nichts mehr vor. Wenn ich etwas in meinem Leben ändern oder mit etwas starten möchte, versuche ich damit sofort zu beginnen, anstatt auf den Jahreswechsel zu warten. 
Lediglich in meinem Studium kommt es noch vor, dass ich mir für die Zukunft Vorsätze mache. So bleibt es von Semester zu Semester dabei, das ich plane, früher mit dem Lernen anzufangen. Trotzdem habe ich bis jetzt, quasi am Ende des Studiums, nie das Gefühl gehabt, dass es früh genug war, obwohl ich über die Jahre tatsächlich immer früher mit der Prüfungsvorbereitung angefangen habe. 
Ähnlich ist es bei Treffen mit guten Freunden, die ich aufgrund der örtlichen Distanz nur selten sehen kann. Jedes Mal nehme ich mir vor, nicht so viel Zeit bis zum nächsten Treffen verstreichen zu lassen, und doch klappt es nur selten. 

Diese Erfahrungen führen dazu, dass ich immer seltener noch zusätzliche Vorsätze fasse. Denn es nimmt schon genug Zeit in Anspruch, die wirklich wichtigen „Vorsätze“ zu erfüllen.

Jeffrey Müller

Nach den zwei letzten heißen Sommern möchte ich meine Aufmerksamkeit im Jahr 2020 stark auf mein Verhalten zur Umwelt richten. Wird es jetzt im Winter genügend Wasser oder Schnee geben, um die Grundwasserdefizite, die das Wurzelwerk hat, auszumerzen? 
Jetzt sind sie wieder da, die grünen Spitzen der Gräser, die die Stra-ßenbahnschienen überwuchern.
Im Sommer wuchsen sie, aber blie-ben klein, dann trockneten sie aus, wurden braun und zerbrechlich. Schließlich sah es aus, als wären sie ganz weg. Das war ein erschre-ckender Anblick. Die aufgeheizte Stadt hatte keine Kühlpuffer mehr. Das Regenwasser im Herbst hat sie wieder lebendig gemacht. Ich denke über Wasser nach und möchte im ganzen Jahr 2020 vorsichtig damit umgehen. Wo kann ich in meinem Alltag auf Wasser verzichten? Muss ich jeden Tag duschen? Wie kann ich den Wert des Wassers mehr wertschätzen? So kann ich Kleidung nach dem Tragen durchlüf-ten und sie mehrfach tragen, statt sie sofort zur Wäsche zu geben und dabei viel Wasser zu verbrauchen.

Wenn im neuen Jahr genügend Regen fällt, so dass die Pflanzen nicht vor Verzweiflung ihre Blätter abwerfen, werde ich beim Sommer-spaziergang voll Dankbarkeit jeden Schatten entgegennehmen. Und wenn die Blätter dann nicht herunterfallen, sondern groß genug werden, um unseren intensiven CO² Gebrauch in der Stadt zu verringern, danke ich unserem Schöpfer dafür. Jetzt im Winter kann ich dafür beten, dass es so kommt.

Insgeheim wünsche ich uns Menschen, dass wir uns mehr über „einfache“ Dinge freuen. Wie kann ich mich verhalten, wenn ich merke, dass Menschen wenig reflektierendes Verhalten zur Umwelt haben und sie ihre hohen Ansprüche nicht ändern möchten? 
Sehen sie die Qualen, welche die Natur in Afrika / Amerika / Asien / Arktis / Antarktis / Australien aushält? Sehen sie die Flächen, die völlig verbrannt sind, die Überschwemmungen, die Orkane, die alles wegfegen, und haben sie damit etwas zu tun? Haben sie damit etwas zu tun, wenn in Zimbabwe aktuell Menschen und Elefanten sterben, weil dort über 40°C herrscht und alles verdorrt ist und die Flüsse ausgetrocknet sind? 
Haben sie damit etwas zu tun, dass dort die Ernten verdorren, und die sowieso kärglichen Einkommen der Einwohnerschaft nicht mehr zu realisieren sind? 
Bei  Terminen, die ich zu erledigen habe, mache ich mir vorab Gedanken, wie ich sie mit möglichst wenigen Ressourcen unserer Erde erledigen kann. Ich will weiter viel mit dem Fahrrad fahren, mit dem ÖPNV alle weiteren Strecken erledigen und so die Umwelt möglichst schonen.
 
Bei allem wünsche ich, dass unsere gemeinsame Schöpfung, die wir erhalten und bewahren wollen, für mich und meine Mitmenschen fühlbar ist. 

Lis Arntraud Dieterich 

Fangen wir mit der Schattenseite an. Kaum hat das neue Jahr begonnen, verfliegt der Zauber der ersten Stunden oft äußerst rasch. Dies liegt nicht unbedingt an den Scherben und dem Dreck, dem Regen und der ersten schlechten Nachricht, denen man am Neujahrstag oder wenig später begegnet. Vielmehr necken und schrecken uns recht bald die Vorsätze, mit denen wir starten. Sie lassen sich meist doch nicht so leicht umsetzen. Und schon trägt sich die Ernüchterung als frühe Begegnung in unser frisches Kalenderblatt ein. Manchmal ist es sogar die Enttäuschung, die sich meldet.
Warum tun wir uns das eigentlich an? Ob Träumerin oder Realist, viele Menschen überkommt am Jahresende ein so verlockendes Gefühl. Ich kenne einige, die sich ihm nicht entziehen können. Der alte Kalender hält ihnen das Leben der vergangenen 12 Monate vor Augen und wird plötzlich zum Schlüssel für eine abschließbare Vergangenheit. Denn eine neue Zeit steht bevor. Ihr offener und weiter Horizont bietet Chancen zur Veränderung. Vorsätze werden geboren.

Kaum sind die ersten Januartage vergangen, merken die Betroffenen allerdings: Meine Tage sind doch eher nur eine Fortsetzung. Es gelingt mir nicht, die ersehnten Veränderungen herbeizuführen. Sollte man also besser von Anfang an auf Vorsätze verzichten? Wäre dies nicht hilfreich, um gar nicht erst das Gefühl des Misslingens und Scheiterns aufkommen zu lassen?

Ich glaube, das wäre sehr schade, weil wir uns dann selbst ausweichen würden. Wer in sich hinein hört und merkt, dass es an der Zeit ist, sich einer bestimmten Absicht fest zu verschreiben, der sollte es versuchen. Da sich dies häufig nicht einfach im Alltag ergibt, sind besondere Zeiten ein hilfreicher Ankerpunkt. Sie kommen ohne unseren Einfluss auf uns zu und unterbreiten uns ein Angebot, Veränderungen zu bedenken und zuzulassen. Dies kann der Jahresbeginn, aber auch der Geburtstag, der sonntägliche Start in die neue Woche oder die geprägten Zeiten im Kirchenjahr sein. 

Ohnehin: Vorsätze lassen sich gewichten, aufteilen, erneuern. 
Also: Mut und Vertrauen!

Sebastian Hansen