Kreuzkirche Stephan Scharf- (3) (c) Sergej Lepke

Gedanken zu 2020 und 2021

„Gott sei Dank ist 2020 bald vorbei, dann können wir einen Strich darunter machen!“ habe ich in einem Gespräch der letzten Woche meinem Gegenüber angeboten. Grund genug dafür hat uns Covid-19 ja gegeben, und so mancher kann seine ganz persönliche Streichliste hier einfügen. Die Replik meines Gegenübers hat mich überrascht: „Aber einiges will ich mir doch bewahren, es war ja nicht alles einfach schlecht.“ Ganz so absolut hatte ich es eigentlich nicht gemeint. Trotzdem fühlte ich mich heilsam irritiert. Vielleicht lohnt es sich doch, das Jahr 2020 genauer daraufhin anzusehen, was trotz allem gut war und für 2021 wichtig bleiben darf. 
Vielleicht haben Sie sich für den Jahreswechsel ähnliche Fragen gestellt und ihre ganz persönliche Liste zusammengestellt. Noch lässt sich ja manches nicht recht einordnen, schließlich stecken wir ja noch mittendrin im harten Lockdown und was wie weitergeht, ist noch nicht auszumachen.
Das gilt auch für alle Gedanken, die ich mir in Bezug darauf mache, wie ich diese Zeit mit meinem Glauben und im Leben unserer Gemeinde, im ökumenischen Miteinander und als Teil der Stadtgesellschaft, erlebt habe. Noch lässt sich das nur in Einzelerfahrungen festmachen, vielleicht wird anderes im Rückblick deutlicher. 
Die Pandemie und die notwendigen Maßnahmen, um ihr zu begegnen, haben vieles von dem, was uns als Gemeinden besonders liegt und was  unseren Glauben und die Sehnsucht nach gelingender Gemeinschaft ausmacht, hart getroffen und manches Mal lahmgelegt. Unser Glaube drängt in der Nachfolge Jesu auf Gemeinschaft und Gestaltung des Lebens unter der Perspektive des Reiches Gottes. Das ist nicht eine Aufgabe oder ein Programm, das wir uns als Gemeinden vornehmen, sondern ist Teil unserer Glaubens-DNA. Lieben, Vergeben und Versöhnen, Menschen zur Teilhabe an erfülltem Leben verhelfen, Leid mittragen und benennen, an gerechtem Zusammenleben mitwirken u.v.m. beschreibt Gottes Wirken unter den Menschen und im Leben unserer Gemeinden, in den Gruppen und Diensten und als Teil der Stadtgemeinschaft lässt sich das im Großen und Kleinen erleben. 
Dass im Frühjahr nun vieles an den selbstverständlichen Kontakten, Begegnungen und Aktivitäten nicht mehr möglich war, habe ich zunächst als lähmenden Schock und Unsicherheit erlebt. Alles was wir gut können – Gemeinschaft halten,  Gottesdienst mit allen Sinnen feiern, in den Gruppen das Leben teilen, uns einander in Gesprächen aufrichten, die seelsorglichen Besuche im Krankenhaus und den Einrichtungen –  fiel weg oder war kaum noch möglich. 
Ostergottesdienste sind ausgefallen, und wichtige Feste wie die Konfirmationen wurden verschoben. Diese Erfahrungen könnte ich gut und gerne abhaken. 
Beeindruckt hat mich der rastlose Einfallsreichtum und der Einsatz der zahllosen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, um Kontakt zu halten, Mut zu machen, Arbeit und Angebote in anderer Form aufrecht zu erhalten – was auf einmal an Online und alternativen Gottesdiensten möglich war, hätten wir 2019 nicht für möglich gehalten. Seelsorgetelefone,  Podcasts und Nachbarschaftshilfen, Aktionen einzelner und der Gemeinden im Geist der Nächstenliebe. Wo wir als Gemeinde da koordinierend helfen konnten, war das großartig. 
In meinem Arbeitsschwerpunkt der Kinder- und Jugendarbeit hat mich beeindruckt, was in der offenen Jugendarbeit, den Schulen und KiTas auf die Beine gestellt wurde, damit die Kinder und Jugendlichen so gut es geht durch die Krisenzeit kommen. Was dann doch möglich war, habe ich umso wertvoller erlebt. Die verminderten Formen und reduzierten Feste haben etwas von dem Kern an Segen und Begleitung zur Geltung gebracht, bei den freudigen Anlässen wie den Schulabschlüssen und Taufen, aber auch bei der Begleitung im Trauerfall unter bedrückenden Bedingungen. Wie viel Kraft darin liegt, miteinander zu feiern und einander zuzusprechen, dass Gott in Krisenzeiten da ist und uns begleitet, gehört für mich zu den besonderen Erfahrungen des letzten Jahres. 
Grundlegende Erzählungen unseres Glaubens sind unter dem Eindruck von Krisen entstanden, handeln von Hoffnung in Bedrängnis, von Gott, der gegen allen Anschein im Verborgenen wirkt, befreit und freimacht, und letztlich vom Tod nicht überwunden wird. Diese Weihnachten habe ich das „Fürchte Dich nicht“ des Engels bei Maria und auf dem Feld anders gehört und anders weitergesagt als 2019, und auch das ist gut so. Ich bin mir sicher,  sich gegen wechselhafte Pandemieneuigkeiten in so ein Vertrauen einzuüben, befreit von dem Gefühl, nichts tun zu können. Aus so einem Vertrauen zu leben und es weiterzugeben, wünsche ich mir in 2021 für mich selbst und unsere Gemeinden. 
Während ich nun darüber schreibe, wo Glaube und unsere Gemeinden in dieser Zeit wichtig sind und was sie in der Stadt bewirken können, merke ich, dass ich zwar recht gut benennen kann, was meinen Glauben ausmacht und was in meiner Vorstellung für andere wichtig sein könnte, aber das letzte Jahr hat auch überdeutlich gezeigt, dass vielen nicht mehr wichtig ist, was ich oder wir als Gemeinden zu sagen haben. Dass Kirchen nicht „systemrelevant“ genannt wurden, hat ja vielleicht auch etwas Gutes, aber es ficht mich an, welches Bild Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung abgibt und wie viel berechtigte Anlässe für Enttäuschung und Verärgerung einzelne oder ganze kirchliche Strukturen gegeben haben, um einen tiefsitzenden Verdacht gegenüber uns als Glaubenden zu nähren. Dafür braucht es dringend ehrliche Gesprächsangebote und Aufarbeitung. Dass „die Kirche“ ärgert, ist schon schlimm, aber dass sie egal ist, macht mich sprachlos. 
Was mir und was uns als Gemeinde wichtig ist, ist in der säkularisierten Stadtgemeinschaft in der Form, in der Gemeinden das Gespräch suchen, oft egal. Was sind eigentlich die Fragen, die Menschen umtreiben, die nicht in unseren Gemeinden auftauchen oder unsere Gemeinden verlassen, welche Erwartungen haben unsere Mitbürger*innen an uns? Welche Vorbehalte? Wie kommen wir überhaupt in Kontakt und schaffen Berührungsflächen, um diese Gespräche zu führen? Nur so können wir, denke ich, etwas von dem Wertvollen, was uns im Glauben bewegt, in der Stadtgemeinschaft einbringen. 
Wenn ich mir etwas für 2021 wünschen könnte, sind es solche ehrlichen Kontakte und Gespräche. 
Ein letzter Gedanke für 2021. Die Jahreslosung für 2021 lautet „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ (Lk 6,56) 
Dazu gehört mit Blick auf das vergangene und sicher auch das angebrochene Jahr das Benennen von Fehlern und Unzulänglichkeiten,  Versäumnissen und Egoismen im Umgang mit der Pandemie, die uns als Einzelne und Gemeinden unterlaufen sind. Wir wissen uns auf Gnade angewiesen und leben aus Gottes Annahme – auch mit dem was wir an uns für unzulänglich oder zu großartig halten. Darauf hoffe ich für uns einzelne und als Gemeinschaft der Glaubenden: einander vergeben können, was nicht gut war. Und weil wir mit Vergebung rechnen dürfen, können wir befreit und zuversichtlich ins Jahr 2021 gehen.
Stefan Scharf
Pfarrer der Kreuzkirchengemeinde