Persönliche Gedankensplitter zu 2020 und 2021

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Liebe Leserin, lieber Leser,

keine Gottesdienste mehr, sicher ist sicher? 50 Prozent wollen dies so, so ein Artikel in der „Zeit“. Und 50 Prozent wollen es nicht, sicher ist sicher! Trotz aller eingehaltenen Hygiene- und Schutzvorschriften, eine 100%ige Sicherheit gibt es nicht. Es ist eine seltsame und verstörende Zeit, die alle betrifft und tief in unser Denken, Fühlen und unser Leben eingreift. Es kommen Einstellungen und Haltungen zutage, Gesichter werden gezeigt, die ich nie für möglich hielt. Es ist eine Zeit, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind.
Das neue Jahr begann in gleichem Maße, sogar verschärfter noch, als wir das alte Jahr beendet haben. Wir stecken mittendrin in einem Lockdown. Für uns als Gemeinde und unser religiöses Leben, den Glauben, das Miteinander-Leben und Miteinander-Feiern gilt, alles steht nach wie vor unter dem Zeichen der COVID-19-Krise. Erst das Warten auf einen Impfstoff, jetzt ist er da und will umgesetzt werden, was wieder neue Herausforderungen bringt und Fragen aufwirft. Viele Menschen sagen, es muss wieder alles so werden wie vor dieser Krise, was es mit Sicherheit nicht werden wird. Was bedeutet schon eine „neue Normalität“? Was wissen wir denn darüber, welche nachhaltigen Veränderungen diese für uns noch nie dagewesene Situation bringt, wie sich die Gesellschaft, wie sich das Gemeinschaftliche verändert, wie diese Erfahrungen uns persönlich verändern werden und nicht nur uns, auch das Glaubens-, Gemeinde- und kirchliche Leben. Das Erleben, wie wir mit den Schwächsten umgehen, wie mit Krankwerden und Sterben, was zeigt das von uns, und was macht das mit uns? Viele müssen sich existentiell neu orientieren und und und… 
Als zentrale Rolle der Lebensgestaltung galt uns bisher der Wunsch nach Selbstverwirklichung, und jetzt? Nun erleben wir eine geforderte und erzwungene Solidarität. Wir können nicht mehr nur darüber sprechen, sondern wir müssen so leben und uns so zu verhalten lernen, dass auch der/die andere vorkommt und berücksichtigt wird, selbstredend auch die Schöpfung. Die COVID-19-Krise bringt Verhaltensweisen und Fragen ans Licht – persönliche, ethische, institutionelle, gesellschaftliche und soziale – die meines Erachtens zwar schon immer da waren, gleichwohl jetzt so unübersehbar sind, dass man ihnen nicht mehr elegant aus dem Weg gehen kann. Im Bereich von Kirche, Gemeinde und Glaubensleben werden unausweichliche Themen brisant, die während der letzten Jahrzehnte immer schon existierten. Die schlichte Frage: Wie wird es mit unserer Gemeinde, wie mit unserer Kirche weitergehen, wie gestaltet, wie lebt man ein Glaubensleben unter den aktuellen Bedingungen? Was dabei ist unverzichtbar, was weniger wichtig? Wie blass und hilflos die Kirchen den Stempel „nicht systemrelevant“ für sich und damit auch ihre Botschaft hingenommen haben. Für mich persönlich das Unwort für 2020. Ist denn für das Große und Ganze nicht restlos alles, jede und jeder systemrelevant? Ein Gemeindeleben in dieser Zeit – nur noch äußerst eingeschränkt und fast nicht mehr möglich. Dies weckt Aggressionen, Gleichgültigkeit, Verunsicherungen und auch Ängste, aber auch kreative Energien, was ist möglich und wie? Buchstabieren wir neu, was uns wichtig und notwendig ist? Wunderbar und mein ganz persönliches Weihnachtswunder, wie viele Menschen sich bei uns haben ansprechen lassen, sich einzubringen, damit in geschützter Form die Weihnachtszeit möglich war. Das Pastoralteam musste neue Ausdrucksformen entwickeln, den Podcast, Einkaufshilfen, Schutz- und Hygienevorschriften, offene Kirchen, um nur einiges zu nennen. Unsere Gruppierungen mussten neue Wege finden, um arbeitsfähig, um kontaktfähig zu bleiben. Der unglaubliche Einfallsreichtum des Büros, der Küster, der Kirchenmusiker, der Kitas, des Edmund-Hilvert-Hauses – so viele, die es im hauptamtlichen und ehrenamtlichen Dienst möglich machten und machen, dass wir in dieser Zeit Gemeinde sein konnten und sein können. Das telefonische Kaffeetrinken, das Begegnungstelefon, der Willkommensdienst und vieles mehr, dafür gilt allen mein ganz besonderes Dankeschön! Für mich war dies auch eine beeindruckende Erfahrung unseres Miteinanders als Gemeinde. Das war das Erleben großartiger Partizipation an der Verantwortung aller am Gemeinde- und Glaubensleben, denn hier ist jede und jeder „systemrelevant“. Meine Sorge gilt all denjenigen, die sich bislang nicht mehr versammeln und treffen können, keine Berührungsräume nutzen wollen oder nutzen können. Werden sie wieder zusammenfinden? Unsere Gottesdienste sind derart reglementiert, dass das Zentrale, das, was wesentlich ist, nur schwer erlebbar und spürbar ist. Gemeinschaft, Verbundenheit auf Abstand feiern und sich gleichzeitig aus dem Weg gehen? Wie absurd und paradox. Viele kommen schon gar nicht mehr, sei es aus Vorsicht und Furcht, sei es, weil diese Form sie nicht berührt oder einfach, weil sie merken, dass sie es nicht brauchen. Gerade in einer Situation, in der wir einander tragen und stützen und zusammen sein sollten, fehlen sie. Was ist das für ein Gemeinde- und Christsein-Verständnis? Der Ursprung, die Quelle von Gemeinde ist doch die Versammlung und die gemeinsame Feier der Gegenwart Gottes. In dieser Feier verdichtet sich alles, was wir leben und glauben, es ist ein ganzheitlich erfahrbares Erleben. Unsere liturgischen Feiern sind eben nicht einfach Rituale, welche ablaufen, sondern Räume der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Vielleicht trägt die gegenwärtige, von mir so schlimm empfundene, reduzierte Form dazu bei, unsere liturgischen Feiern tiefer zu verstehen? Und werden die, die nicht da sind, wiederkommen oder nicht und wenn ja, was dann? Eine Gemeinde, die sich nicht mehr sammelt, sich nicht mehr erlebt, verliert ihre Bindungskraft und Bedeutung. Das internationale Profil unserer Gemeinde, es findet durch die begrenzt zugelassene Personenzahl unserer Feiern schlichtweg nicht statt. Es mangelt an so vielem. Es wird mir unvergesslich bleiben, wie ich – gänzlich ohne das Mitgetragen-Sein unserer Gemeinde – am Palmsonntag allein die Palmsträuße und an Ostern die Osterkerzen segnete. Ein Pfarrer ohne Gemeinde. Solch eine Situation möchte ich nicht mehr erleben. Ein weiterer Punkt, auf den uns COVID-19 hinweist: Wir spüren, dass wir mit den bisherigen Traditionen und Formen am Ende sind und wir stehen „in between“, „im Zwischen“ von Bisherigem und Neuem, das Kreativität, Neuorientierung in unserem Gemeinde- und Glaubensleben notwendig macht. Wir wissen gleichwohl aber noch nicht, wie Kirche und eine Gemeinde der Zukunft sein muss. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will diese Situation nicht bejammern und beklagen, ich bin davon überzeugt, dass alle institutionellen Formen vorläufig sind, selbst die aktuelle Kirche nur provisorisch und endlich ist. Die Kraft und Zuversicht des Glaubens heißt: Gott führt sein Volk. Nur wohin will Gott es führen? Ich vertraue fest darauf, Gott führt sein Volk, damit es ankommen kann in Gott. 
Das Bild von Kirche ist in den letzten Jahren immer desaströser geworden. In gewissen Zeitabständen stapeln sich bei mir die Mitteilungen über die Kirchenaustritte. Nach jedem bekannt gewordenen Skandal immer wieder mehr. Jede einzelne Person schreibe ich mit einem standardisierten Brief persönlich mit der Bitte an, mir mitzuteilen, welche Beweggründe für diesen Schritt ursächlich waren. Ungefähr 10 Prozent der Angeschriebenen schreiben mir zurück. Die Gründe sind sehr vielfältig, manche für mich nicht nachvollziehbar, manche mit unangemessenen Dienstleistungserwartungen, aber im Grunde nennen die meisten diese drei:

  • „Ich habe den Kontakt zur Gemeinde, zur Kirche verloren.“
  • „Wegen der Kirchensteuer bin ich ausgetreten.“ 
  • „Wegen der Missbräuche und dem Umgang damit, wegen der nicht zeitgemäßen Gebote, Vorschriften und Lebenspraxis.“

Auch wenn wir die großen Fragen hier in unserer pastoralen Praxis nicht lösen können, so können wir dennoch auf unser Profil in unseren beiden Stadtteilen Einfluss nehmen. Hier haben wir uns für eine erfahrbare Willkommenskultur, für eine lebensnahe, respektvolle Haltung allen gegenüber verpflichtet. Unser internationales Profil ist nicht nur ein Papierversprechen, es ist uns wichtig, es ist bereichernd, und wir leben miteinander den „katholischen“, den alle umfassenden, christlichen Glauben mit den unterschiedlichsten Traditionen, Prägungen und Ausdrucksformen. Auch das ist ein öffentliches Statement, hier vor Ort.
Ich habe mit Blick auf das neue Jahr und die Auswirkungen der Pandemie, die uns ausnahmslos alle betrifft, einen Wunsch, obwohl ich keine konkreten Ideen dazu habe: Dass wir als Religionsgemeinschaften weniger jede für sich, weniger voneinander getrennt, sondern stärker zusammenarbeiten, uns austauschen, mehr Absprachen treffen, mehr das gemeinsame Gespräch suchen sollten und vielleicht mehr vorkommen und mehr ausstrahlen, um so das, wofür wir in aller Verschiedenheit stehen, das ganz andere und den ganz anderen, erfahrbar zu machen.


Heribert Dölle
Pfarrer