Im Fall des Falles

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Ein Gespräch mit Marén Pfeil geführt von Kerstin Behrens

Wenn ich an Tod und Bestattung denke, kommen mir stereotypisch eher hagere, schwarzgekleidete Herren mit Zylinder in den Sinn, die den Sarg oder die Urne an die Grabstelle bringen. Eventuell fallen mir noch die Überführungsfahrzeuge ein oder der vom Bestattungsinstitut zur Verfügung gestellte Redner. Und dann hört es auch schon auf.
Meine Freundin Marén Pfeil arbeitet bei einem ortsansässigen Bestatter, und so freue ich mich, als sie sich bereit erklärt, mit mir über ihre Arbeit und ihr Verhältnis zum Tod zu sprechen. 

Marén, bei einem Bestattungsunternehmen zu arbeiten, ist schon etwas Besonderes. Wie ist es dazu gekommen?

Ich bin eine klassische Quereinsteigerin: Ursprünglich habe ich eine kaufmännische Ausbildung gemacht und vor den Kindern in der Speditions- und Logistikbranche gearbeitet. In der Elternzeit war ich dann stundenweise für ein Bestatter-Zulieferer-Unternehmen tätig und habe beispielsweise Beschriftungssysteme für Urnen und Särge und Trauerdruck an Bestatter in ganz Deutschland und die Nachbarländer verkauft. 
Durch diverse Messen konnte ich die Branche und auch viele Bestatter persönlich kennenlernen. Vor knapp zwei Jahren wurde ich dann gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in der Verstorbenenumsorgung zu arbeiten, und diese Herausforderung habe ich sehr gerne angenommen.

Was muss ich mir denn unter diesem Teilbereich vorstellen?

Zur Verstorbenenumsorgung gehört eigentlich alles, was im Hintergrund abläuft: die Abholung der Verstorbenen vom Sterbeort, die hygienische Versorgung natürlich, aber auch das Ankleiden für die Abschiednahmen sowie das Überführen der Verstorbenen bzw. bei Feuerbestattungen der Urnen zu den Beisetzungsstätten und auch zu und von den Krematorien. Ich koordiniere die verschiedenen Aufgaben und sorge beispielsweise dafür, dass Termine von unserem Team eingehalten werden und die Tourenplanung stimmt. Ich habe die Termine der Trauerfeiern und „Abschiednahmen“ im Blick, damit die Angehörigen zur rechten Zeit im richtigen Raum pietätvoll Abschied nehmen können.

Was macht deinen Beruf besonders, was bereichert dich?

Es füllt mich aus, dass ich Menschen helfen kann, einen schweren Weg zu bewältigen. Es müssen ja unglaublich viele Dinge organisiert werden! Und ein trauernder Angehöriger ist sehr dankbar, wenn ihm ein Teil der Organisation abgenommen wird. 
Das Abschiednehmen steht ja tatsächlich bei den meisten im Vordergrund und wird nur allzu schnell überlagert von den tausend Kleinigkeiten rundherum. Da ist es zum Beispiel gut, wenn unser „Papierfahrer“ sich darum kümmert, beim Standesamt die Dokumente abzugeben und abzuholen.

Und natürlich bereiten wir alles für einen würdevollen Abschied vor, der ja auch für viele ein erster wichtiger Schritt in der Trauerbewältigung ist. Dabei haben wir immer auch die Wünsche der Familie im Blick, wenn beispielsweise die Lieblingskleidung des Verstorbenen für die Aufbahrung mitgegeben wird. Durch meine Arbeit können sich die Angehörigen auf das Wesentliche konzentrieren. Dieses Gefühl, dass ich Menschen in dieser Phase zur Seite stehen kann, das bereichert mich. 

Die Bereicherung steht auf der einen Seite. Auf der anderen Seite gibt man vielleicht auch immer ein Stück von sich selbst. Wie ist es bei dir, musst du dich emotional „schützen“ und wenn ja, wie schaffst du das?

In meinem Beruf muss man auf jeden Fall emotional stabil sein, das ist keine Frage. Von einem benötigten Schutz würde ich aber nicht sprechen. Mir ist es tatsächlich wichtig, gewisse Dinge gedanklich nicht „mit nach Hause“ zu nehmen und Beruf und Privates deutlich zu trennen. Auf der anderen Seite schaue ich mir manche Sachen und Vorgänge ganz bewusst an, damit ich das für mich abhaken und verarbeiten kann. Sonst hat man irgendwann Kopfkino, das fände ich schlimmer. Aber ich weiß eigentlich immer, wo meine Grenzen sind, was ich sehen kann und möchte. 

Was erzählt dir der Umgang mit dem Tod über das Leben? Was macht es mit dir, mit deinem Leben, dass du ständig mit Verstorbenen zu tun hast?

Mir wird Tag für Tag vor Augen geführt, dass das Leben vergänglich ist. Und manchmal erwische ich mich dabei, dass ich über meine eigene Beerdigung nachdenke. Welcher Sarg mir gefallen würde. Ob ich lieber eine Erd- oder Feuerbestattung hätte. Aber genauso oft denke ich mir auch, dass das noch Zeit hat. Ich bin noch recht jung und lebe gerne unter den Menschen, die ich liebe.

Denkst du, dass sich deine Einstellung zum Tod durch deine Arbeit verändert hat und wenn ja, inwiefern? 

Hm. Ein wenig schon, glaube ich. Bestimmt gibt es Menschen, die sich vor dem Tod fürchten, und da geht es mir nicht anders. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich um mich kümmern werden. Die meine Familie unterstützen werden, pietätvoll Abschied zu nehmen, trauern zu können. Einfach beistehen. Für mich sind es beruhigende Gedanken, alles organisiert zu wissen und so den Angehörigen eine Last von den Schultern zu nehmen. Und das nimmt mir dann auch die Angst wieder ein Stück weit.

Empfindest du, dass Tod immer noch ein Tabu in der Gesellschaft ist? Und wurde es deiner Meinung nach eher stärker oder schwächer im Laufe der letzten Jahre?

Das ist schwierig. Ich würde sagen, ein klares „Jein“ zum Tabu. Ich habe mal gelesen, dass mittlerweile ca. 70% der Deutschen in Krankenhäusern und Pflegeinrichtungen versterben. Daher werden Menschen heutzutage zu Hause mit dem Tod nicht mehr so oft unmittelbar konfrontiert und finden es darum vielleicht schwierig, damit umzugehen - Tendenz steigend. Auf der anderen Seite erfahre ich persönlich oft eine große Neugier bei Bekannten und Freunden, wenn sie von meinem Beruf erfahren. Auch denke ich, dass der Umgang mit dem Thema Tod immer noch generationsabhängig ist. Für junge Leute ist der Tod so weit weg. 

Wie wünschst du dir den Umgang der Gesellschaft mit dem Thema „Tod“?

Ich wünsche mir einen offenen Umgang. Ein Tabu-Thema sollte der Tod nicht sein. Er gehört nun einmal zum Kreislauf des Lebens dazu. 

Was gibst du unseren Lesern mit auf den Weg?

Ich empfehle allen Lesern, sich dem Thema „Tod“ zu öffnen. Man kann sich über digitale Medien oder auch persönlich bei den Beratern in den Bestattungshäusern gut informieren und wird überrascht sein, was sich beim Thema Bestattungen in den letzten Jahren alles getan hat. Auch für die Angehörigen ist es leichter, Entscheidungen zu treffen, wenn die Wünsche eines Betroffenen vorher schon einmal formuliert worden sind. Aber auch wenn diese Vorstellungen nicht bekannt sind, nehmen sich die Berater in den Instituten sehr viel Zeit für die Angehörigen, um diese ungesagten Wünsche herauszuarbeiten. 

Marén, vielen Dank für das Gespräch.