Foto Himmel (c) kath-derendorf-pempelfort.de

Ihre letzten Jahre hat meine Großmutter eigentlich gar nicht mehr auf Erden verbracht. Sie wollte nur noch in den Himmel kommen und dort ihren Mann und ihre früh verstorbenen Kinder wiedersehen. Und mit Gottes Hilfe und Gnade hoffte sie zuversichtlich, dort hinzugelangen. Ihr Bild vom Himmel war unerschütterlich gewiss. 1979 ist sie gestorben und hat ihr Ziel hoffentlich erreicht. 

Die geschlossene katholische Welt, die meine Großmutter so nachhaltig geprägt hat, gibt es schon lange nicht mehr. 

Die Vorstellungen darüber, ob es so etwas wie einen Himmel gibt und wie er beschaffen sein könnte, gehen weit auseinander. Für dieses Heft habe ich eine Zufallsumfrage unter meinen Freunden und Verwandten gemacht. Katholiken sind nicht darunter. Und die Meinungen sind vielfältig.

Ansgar Warneke

Manchmal, wenn es mir zu trubelig wird, hilft ein Blick in den Himmel. Ich mag es, wenn Wolken ruhig dahinziehen, und mit Phantasie sind darin hin und wieder wechselnde Gestalten zu erkennen; ein großes Schauspiel! Als Kind konnte ich lange in den Himmel schauen und mir dieses und jenes vorstellen – vor Weihnachten zum Beispiel, dass die Engel im Abendrot Plätzchen backen, die dann später unterm Weihnachtsbaum liegen.
Mit den Jahren jedoch verlor der Himmel seinen Zauber. Er war einfach nur da, eigentlich leer, etwas, das man erklären kann – und außerdem: Wer will denn schon ein Hans-guck-in-die-Luft sein, wo doch die „eigentliche“ Musik auf der Erde spielt!
„Aber ist das wirklich so?“, denke ich heute. Wird man nicht irgendwie blöd, eigentlich eher eindimensional dabei, immer nur auf die Erde zu starren und sich in ihren Verhältnissen zu verlieren? Brauche ich nicht auch das Andere, die Distanz, die Weite des Blicks, das Transzendente, so etwas wie „Gott“? – Eigentlich eine rhetorische Frage, denke ich.
Der Himmel ist das, was ich in ihm sehen kann. Was er für mich bedeutet, hängt vor allem von meiner Offenheit ab. Ich jedenfalls bin gespannt, wie meine Beziehungsgeschichte mit dem Himmel weitergeht!
Alex, 47, konfessionsloser Christ

Himmel. Bei diesem Wort tun sich wie bei einem Leporello aufeinanderfolgende Bilder auf. Ganz klar am Anfang dieses wunderbare Blau, wenn wir als Kinder nebeneinander im Sommer auf der Wiese lagen und uns die wunderbaren Fabelwesen zeigten, die in schnellem Wechsel von den schneeweißen Wolken gebildet wurden. Abends dann, beim Gutenachtgebet, das die Mutter immer mit uns sprach, war er oft dunkelgrau mit dem bärtigen Vater darin, der alles sah, jedes kleinste Unrecht. Würde er mich zur Hölle schicken?
Diese Furcht hielt fast bis zum Erwachsenwerden an. Dann herrschte das Bild von Jesus vor, der sagte: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Was für ein Wort! Liebe ist das Wichtige. Und – nur wer sich selbst liebt, kann auch den Nächsten lieben. Das war schwer zu verstehen, aber wunderbar.
Es gibt noch zwei letzte Bilder: Der weite Himmel, der sich etwa auf der Bergspitze auftut und das Staunen über die wunderbare Schöpfung hervorruft. Und dann die stillen Gebete in der Kirche, die Bitten und auch der Dank. Sie richten sich immer zu einem imaginären Himmel voller Wärme und Annahme dort über uns.
Sibylle, 76, Humanistin

Den Himmel zu beschreiben, gestaltet sich recht einfach. Der Himmel ist mal blau, mal grau und nachts in der Regel schwarz. Aber schaut man einmal mit Bedacht in den klaren Nachthimmel, nimmt man mehr und mehr die unzähligen Sterne in der Unendlichkeit des Universums wahr… und schon befindet man sich im weiten Feld der Astronomie – wie auch Astrologie.
Metaphysisch betrachtet steht der Himmel synonym für das Jenseits, also die Welt nach dem Ableben.Nicht nur in den christlichen Religionen, so ist im Islam z. B. von „7 Himmeln“ die Rede.
Im Gegensatz dazu steht für viele Menschen die „Hölle“. Dieses Bild der Gegensätze ist für die meisten von uns ein wichtiger Halt in dieser irdischen (dualen) Welt, den wir brauchen, um unseren Platz zu finden.
„Glaubt“ man mangels Beweisen, dass die jenseitige Welt keiner Dualität bedarf, weil sich dort alle (Seelen) in der Einheit befinden, dann wird es dort auch keine Notwendigkeit einer Hölle geben. Aber möglicherweise verschiedene Ebenen der Bewusstheit – oder: der Entwicklung! Davon geben ja auch schon die „7 Himmel“ eine Idee.
Ersetzt man nun die „Ebenen“ durch „Dimensionen“, finden sich wieder Erklärungsmodelle in der modernen Wissenschaft. Ein schöner Ansatz dafür, dass sich Glaube und Wissenschaft ergänzen!
Pete, 56, Suchender auf dem Weg der Mystik

Denke ich an „Himmel“, kommen mir Bilder in den Sinn. Genauer gesagt Ölgemälde und Fresken alter Meister. Zum Beispiel Michelangelos „Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle. Da schwebt ein bärtiger Gottvater von Engel getragen heran, um einem gelangweilt auf einem Felsen herumlümmelnden Adam mit einer zarten Berührung der Fingerspitze Leben einzuhauchen. Hier treffen sich Irdisches und Himmlisches, Diesseits und Jenseits. 
Während Kunstwerke sehr präsent meine Assoziationen rund um den Himmelsbegriff prägen, fällt es mir deutlich schwerer, aus meiner persönlichen Weltanschauung ein „Bild“ vom Himmel zu entwerfen. Denn der Himmel, wie ihn die christliche Tradition beschreibt, ist mir fremd. Ich glaube an kein Jenseits. Nicht an Himmel und Hölle. An kein Leben nach dem Tod. Und (leider) auch nicht daran, dass ich meine verstorbenen Liebsten irgendwann wiedertreffen werde. 
Und doch gibt es eine Vorstellung, die mir in Momenten der Trauer, oder wenn ich über meine eigene Sterblichkeit nachdenke, immer wieder in den Sinn kommt. Es handelt sich um einen Zustand: Das Gefühl, in allem aufgelöst und doch mit allem verbunden in einem ewigen Fluss zu schweben. Schwerelos, friedvoll, glücklich. Oder naturwissenschaftlich betrachtet: Materie löst sich auf, verbindet sich mit Materie, und es entsteht Neues. In einem stetigen Kreislauf. Für mich ein schöner Gedanke.
Anja, 39, auf dem Papier evangelisch

Der Begriff Himmel taucht auch in dem auf dem Lotos-Sutra basierenden Mahayana-Buddhismus auf.Hier ist er einer von zehn möglichen Lebenszuständen, also Stimmungen, welche die Menschen im Wechsel durchleben. Er wird auch als die Welt des Entzückens oder aber als „vorübergehende Freude“ bezeichnet. Himmel steht in diesem Zusammenhang für das Erleben von etwas Schönem, das aber keinen Bestand hat und sich auch in Abhängigkeit von äußeren Bedingungen befindet. Ich erlebe ihn zum Beispiel, wenn sich ein lang ersehnter Wunsch erfüllt. Die Freude darüber ist himmlisch, aber sie vergeht mit der Zeit.
Dagegen ist die Buddhaschaft der Zustand vollkommener Freiheit, in der ein Mensch erleuchtet ist und die ewige und letztendliche Wahrheit der Realität aller Dinge erkennt. Hier sind keine Abhängigkeiten mehr vorhanden, Beziehungen zu anderen Menschen, zur Umwelt, sind frei gestaltbar. Dieser Zustand ist durch grenzenlose Weisheit und unendliches Mitgefühl gekennzeichnet. Eine andere Bezeichnung für die Buddhaschaft ist das Nirvana. 
Im Mahayana-Buddhismus ist das Nirvana nichts, in das man einmalig eingeht, sondern etwas, das beständig wieder erreicht werden kann. Das Leben an sich unterliegt beständigen Veränderungen, nichts bleibt für immer gleich. So kann die Buddhaschaft jederzeit hervorgeholt werden – durch einen aufrichtigen Glauben. Das zu wissen, gibt mir ein Vertrauen, auf das ich in unbeständigen Zeiten bauen kann. Dann fühle ich, wie unbeschadet und kostbar mein Leben trotz aller Stürme jederzeit ist. Und auf der Basis der Buddhaschaft kann ich die himmlische Freude nicht nur in Abhängigkeit von Umständen, sondern jederzeit erleben.
Heide, 46, Buddhistin

Vater unser, der Du bist im Himmel, beten und lobpreisen Christen den Herrn in aller Welt. Doch den Himmel, den wir sehen und als Himmel beschreiben, ist nicht Gottes Himmelreich. Sein Reich ist Licht, das ewige Leben, in dem alle Schöpfung in ihrer begrenzten Einzigartigkeit und Vielfalt erscheint und wieder vergeht. 
Wer als Mensch, trotz gefürchteter Dunkelheit, in allem Gottes Himmelreich zu sehen vermag, hat den Himmel in sich selbst erkannt. Getreu den Worten Jesu: Der Vater und ich sind eins.
Bärbel, 72, Anhängerin von Advaita, der Lehre der Nondualität