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Interview mit Pfarrer Heribert Dölle

Im Blick zurück

Wie geht es Ihnen und wie haben Sie den Lockdown erlebt? 

Aus meiner Sicht hat das zwei Dimensionen: Bei der Leitung der Gemeinde denke ich, man muss die Kirche auch ein bisschen im Dorf lassen. Eine Situation wie beim Lockdown hat es noch nie gegeben. Wir hatten kein Modell oder Muster, an dem wir uns orientieren konnten. Es gibt viele Kritikpunkte, was die Vorgaben der Behörden angeht, die uns in vielen Fällen alleingelassen haben. Ich glaube, dass auch sie überfordert waren: Als Beispiel sei nur die schwierige Situation genannt, eine Vorgehensweise für die Kindertagesstätten zu finden. Es war ein ziemliches Chaos: Es gab Landes- und kommunale Vorschriften, die sich schnell änderten, und das Erzbischöfliche Generalvikariat (EGV) kam in Bewegung. Dann gab es die Vorschriften bis hin zur Aufhebung der Sonntagspflicht. Ich denke, in der Situation waren alle überfordert, und es gab eine große Ängstlichkeit, bloß nichts falsch zu machen. Die Leitfrage war: Befördere ich jetzt diese Infektion? Ich würde nicht die Verantwortung für Infektionsgeschehen übernehmen wollen, wie wir sie zum Teil bei Freikirchen oder Pfingstkirchen zum Beispiel in Frankfurt oder Euskirchen gesehen haben. Daran orientierte sich alles Handeln:  Ja, zu den Zeiten der Gottesdienste öffnen wir alle Kirchen, aber wir vermeiden die Situation, dass wir zusammenrufen. Es galt das Versammlungsverbot. Dann haben wir überlegt, ob wir in der Zeit, wenn die Kirchen offen sind, Orgel spielen. Wir haben uns im Pastoralteam dagegen entschieden, weil das wieder zum Verweilen und zum Bleiben eingeladen hätte. Und wir wollten auch vermeiden, dass die Risikogruppen in Gewissensnöte kommen: Jetzt wird etwas gemacht und ich gehe nicht hin. Diese Zielgruppe fehlt jetzt immer noch zum großen Teil. Diese Menschen übernehmen große Selbstverantwortung. Es ist nicht erforderlich, für sie Entscheidungen zu treffen, woran sie teilnehmen können oder nicht.

Ich persönlich bin abends oft durch die Stadtteile gegangen, die ich so noch nie erlebt habe oder allenfalls an Feiertagen, wo alle in ihren Häusern bleiben oder wegfahren, und es war so dunkel und es war still und so leblos, weil kein öffentliches Leben mehr stattfand. Als es dann so langsam wieder losging, war es ein richtiges Aufatmen: wieder Lokale so beleuchtet zu sehen, dass dort Menschen zusammenkommen, zu sehen, da fängt wieder etwas an, wirklich lebendig zu werden, was vorher ausgestorben erschien, fand ich sehr schön. Zu erleben, wie so langsam hier wieder geatmet und aufgeatmet wird.

Ich hätte mir gewünscht, dass Sie als Hirte in der Lockdownzeit präsenter gewesen wären. Ich hätte es schön gefunden, wenn Sie zum Beispiel gesagt hätten: Ich feiere jeden Morgen eine Messe, und ich nehme die Gemeinde in meine Begegnung mit Gott mit hinein.

Ich habe das getan, aber ich bin nicht der Mensch, der das dann laut in die Öffentlichkeit trägt. Es wäre für mich Ausdruck einer Zwei-Klassen-Gesellschaft gewesen: ich, der ich so privilegiert bin, ohne Auflagen jeden Morgen Eucharistie feiern zu können, und alle anderen, die aufgrund der aktuellen Situation nicht teilhaben können. Aus diesem Grund sah ich auch die Livestreams der Osternachtsfeiern und Gottesdienste eher kritisch: Für mich war es eher ein Ausschließen all derer, die gern teilgenommen hätten.
Und wir haben als Pastoralteam ja auch viel gemacht: den Podcast, die Einkaufshilfe, das telefonische Kaffeetrinken, das Begegnungstelefon, die offenen Kirchen, der Willkommensdienst. Und ich habe in der Karwoche Impulse ausgelegt – vor allem für die, die keinen Internetzugang haben.

Auch Palmzweige für die Gemeinde bzw. für die Gemeindemitglieder zu segnen. Das war auf diese Weise natürlich das erste Mal in meinem Leben, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:  Allein durch die Kirche gegangen zu sein in liturgischen Gewändern und die Zweige und Osterkerzen gesegnet zu haben, da, wo normalerweise Menschen sitzen. Das war zum Teil verrückt und dysfunktional. Umso schöner zu sehen, dass die Menschen kamen, und wir gar nicht genug Zweige und Kerzen auslegen konnten. Es war eine wunderbare Bestätigung: Die Gemeinde ist da!

 

Zur Rolle der Kirche insgesamt

Durch die Krise verhandeln wir existentielle Fragen der Menschenwürde: der Beistand für Sterbende, die Unterstützung für alte Menschen und Demenzkranke, der Schutz der Kinder vor Gewalt und ihre Bildung. Und die katholische Kirche, die sich sonst zu intimen Bereichen des Lebens, wie Sexualmoral, Verhütung, Homosexualität und wiederverheirateten Geschiedenen äußert, schweigt. Auch die Herbsttagung der Bischöfe hat die existenziellen Fragen von Corona und ggf. auch des Klimawandels nicht aufgenommen. Kein katholischer Bischof ist Mitglied der Ethikkommission.

Auch ich würde mir wünschen, dass sich die Kirche stärker positioniert und die Unmenschlichkeit des Umgangs mit den Schwächsten, wie den Sterbenden, den Menschen in den Pflegeheimen, stärker thematisiert. An mich haben sich viele Menschen gewandt, die sehr darunter gelitten haben, ihre Angehörigen nicht besuchen zu können, und die wussten, dass sich der Gesundheitszustand ihrer Angehörigen verschlechtert, wenn die gewohnten Strukturen nicht mehr gelebt werden können. Ich erinnere mich an Beerdigungen, zu denen nur vier, fünf Personen zugelassen waren. Die Schwächsten in den Blick des politischen Handels zu bringen, können wir hier allerdings nicht vor Ort tun, sondern das muss die Kirche als gesellschaftlicher Player auf der Ebene der Bischöfe tun. Da ist auch der vornehmste Platz der Kirche.

Im Übrigen: Ich musste schmunzeln, weil für mich zum Beispiel die Nasenschutzmasken ein Symbol für die Sprachlosigkeit der Kirche sind.
Wichtig sind mir auch zwei Punkte: Während des Lockdowns waren religiöse Angebote plötzlich nicht systemrelevant, gleichwohl ich diesen Begriff, der aus dem Finanzwesen kommt, schrecklich finde. Das fand ich sehr merkwürdig, weil dieser Begriff so vieles, was so systemrelevant ist, ausschließt. Alles auf der Beziehungs-, der Begegnungs- und Berührungsebene. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass die Gesellschaft auseinanderfällt, wenn das Sozialleben und mitmenschliche Begegnungs- und Berührungsmöglichkeiten genommen werden. All das blieb völlig unhinterfragt. 

Jetzt komme ich zu einer Sorge, die ich habe: Eine Ausnahmesituation hebt immer etwas hervor, was sonst im Alltag untergeht oder nicht gesehen wird. Ich glaube, dass die Coronakrise wie ein Brennglas gewirkt hat. Jetzt plötzlich wird der Substanzverlust der Kirche transparent, viele Menschen bleiben weg. Für mich war es erschreckend, dass nach der Wiederöffnung der Kirchen zwei Gottesdienste am Sonntag ausreichend waren, noch nicht einmal ausgebucht. Wir im Team hatten mit einem nicht zu bewältigenden Ansturm gerechnet. Es wird nochmal deutlich, dass die Idee von Gemeinde von manchen wenig verstanden und gelebt wird und dass Glaubensleben sich bei manchen erschöpft in Tradition, in den Gewohnheiten, aber auch Bequemlichkeiten und im Konsumieren. 
Selbstverständlich sind auch viele aus der Risikogruppe aus Sicherheitsgründen nicht gekommen. Ich denke, wir müssen hier wieder mehr zu unseren Anfängen und zu unseren Wurzeln zurück. Es ist das Kleiner- und Demütigerwerden. Die Herausforderung ist: Wie lebe ich mein Christsein, und wie feiere ich meinen Glauben in der Gemeinschaft der Mitchristen unter völlig veränderten und völlig neuen Bedingungen? Wie geht Gemeinschaft mit Abstand, wie gelingt Berührung, ohne sich zu berühren, wie gelingt ein Fest unter Hygiene- und Schutzvorschriften, und wie lebt und feiert man, wenn Abstand ein Ausdruck von Fürsorge und Nächstenliebe ist?

Wissen Sie, wie sich die Austrittszahlen während der Pandemie entwickelt haben?

Dazu werde ich erst zum Jahresende belastbar etwas sagen können. Unter Corona-Bedingungen ist allerdings der Austritt nicht mehr so niederschwellig möglich wie zuvor, da man sich zunächst einen Termin beim Amtsgericht geben lassen muss und nicht einfach vorbeigehen kann. So kann es sein, dass Austritte erst zeitlich verzögert erfolgen. Allerdings sehe ich derzeit in den Gottesdiensten viele junge Leute, die ich noch nie gesehen habe. Darüber freue ich mich sehr.

 

Der Blick nach vorn

Wie lässt sich das Gemeindeleben unter Corona-Bedingungen gestalten?

Ich denke, durch die Pandemie hat sich unser Leben grundlegend verändert. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Es geht nicht nur um eine schützende Hygienevorschrift. Die Politiker sprechen schon von der neuen Normalität. Meine Normalität ist das nicht. Ich hoffe sehr, dass es ein Übergang zu einem Leben ist, das hoffentlich wieder mehr ermöglicht. Der Zustand im Moment tut schon weh, es tut einfach weh, auf so vieles verzichten zu müssen und die Gottesdienste nur so wenig würdig gestalten zu können. Wir feiern hier in der Gemeinschaft, die sich vor sich selbst schützen muss. Das ist völlig paradox, um nicht von einer kognitiven Dissonanz zu sprechen. Es ist unglaublich schwierig, in den Gottesdienst Würde und Tiefe hereinzubringen und Momente entstehen zu lassen, in denen wir uns als Gemeinschaft erleben können. Bei den ersten Gottesdiensten, als der Mund-Nasen-Schutz noch die ganze Zeit getragen wurde, war es für mich sehr hart: Ich sah ja nur Augen und verstummte Menschen.

Für die Gestaltung unserer Feste und Feiern werden wir vollständig neue Wege gehen müssen:
Das Paradoxe und Absurde ist, dass man eigentlich nur im Freien in Sicherheit ist. In den geschlossenen Räumen besteht eine große Gefährdung. Sind Sie aber erkrankt, müssen Sie wieder in den geschlossenen Raum, in dem eigentlich die Gefährdung besteht.
Wir müssen heraus aus den klassischen Formen und uns Alternativen erschließen. So werden wir unsere Feste und Feiern viel mehr unter freiem Himmel feiern müssen. In der kalten Zeit in verkürzten Formaten. Mir ist sehr wichtig, dass niemand abgewiesen werden muss. Gerade an den Hochfesten wäre es mir unerträglich, wenn jemand nicht teilnehmen könnte.

Hier ist aber die ganze Gemeinde gefordert, ihre Kreativität einzubringen und zu überlegen, wie man Feste gestalten kann, ohne die Infektionsschutzregeln zu verletzen und Menschen zu gefährden.

Für das Totengedenken an Allerseelen haben wir uns im Pastoralteam überlegt, Allerheiligen eine Andacht für die Verstorbenen im Pfarrgarten zu feiern und bei der Gelegenheit die Namen zu verlesen. Dort wird dann hinreichend Platz für alle Angehörigen sein, die in diesem Jahr nur eingeschränkt die Möglichkeit hatten, an Beerdigungen teilzunehmen.
So werden wir auch den Advent und Weihnachten gemeinsam in den Blick nehmen und vorbereiten.
Von der Gemeinde wünsche ich mir die Bereitschaft und Freude daran, diese neuen Wege zu entwickeln und mitzugehen, mitzutragen, und das Verständnis dafür aufzubringen, und dort vielleicht, wo es schmerzt, eher das halbvolle als das halbleere Glas zu sehen. 

Bei all dem müssen wir auch die Menschen in den Blick nehmen, die im Moment der Unterstützung aus unterschiedlichsten Gründen bedürfen und die durch die Pandemie auch in große finanzielle Not geraten sind. Und das betrifft mehr Menschen, als man denkt. Es bleibt im Moment dabei, dass wir nur auf Sicht fahren können und uns immer wieder flexibel auf die aktuelle Situation einlassen und uns ihr anpassen müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch hat Christiane Benker geführt.