Gott ist Licht. Die Geschichte einer Überzeugung und ihre Folgen

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Laure Hachem wird in den späten 50er Jahren im Südlibanon geboren – einem Land, in dem unterschiedliche Religionen friedlich miteinander leben. 1975 bricht der Bürgerkrieg aus, der 15 Jahre dauern soll. Laure Hachem wird in dieser Zeit Lehrerin und heiratet 1990 einen Mann aus ihrem Dorf, der in Deutschland studiert hat und dort bleiben will. Sie folgt ihm nach. Geht aus dem Land, in dem der Bürgerkrieg wütet, aber dennoch Zitronen- und Mandelbäume blühen, in ein Land, in dem zwar von blühenden Landschaften gesprochen wird, aber dennoch im Winter der Himmel grau und bleischwer über dem Land liegt und das, was am meisten fehlt, ganz einfach zu benennen ist: Licht! Wie schwer es sein kann, dieses Licht nicht zu fühlen – und wie es doch gefunden werden kann – davon handelt unser Gespräch.

Ein Gespräch mit Laure Hachem geführt von Ingrid M. Haas

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Laure, wie war es für Sie, als Sie aus dem Libanon nach Deutschland kamen?

Deutschland war für mich zunächst einmal kalt und neblig. Wer immer aus der Sonne der Levante kommt, der freut sich zwar einmal oder auch zweimal über Regen – aber doch nicht über die Monate, in dem ein grauer Himmel über dem Land hängt. 

Was haben Sie getan, um sich in dieser Situation zurecht zu finden?

Sehen Sie, der Anfang war sehr schwer. Natürlich war ich meinem Mann gerne gefolgt – aber ich war es natürlich aus dem Libanon gewöhnt, ein eigenes Leben zu haben. Nun war ich fremd, ich sprach die Sprache nicht und kannte niemanden. Ich hatte alle Beziehungen, die bisher mein tägliches Leben waren gekappt – und damals gab es noch kein Whats App – man musste telefonieren, das war teuer. Ich war einsam. Und dann auch wieder nicht. Ich war in dieser Zeit wie immer in meinem Leben mit Gott im Zwiegespräch – und mit Maria, die für mich als Mutter Gottes einer wichtige eine Rolle hatte und umso wichtiger wurde, als meine Kinder auf die Welt kamen. Nachdem ich mich die ersten Lebensjahre meiner Kinder vollständig auf sie konzentriert hatte, begann mit ihrer Kindergartenzeit etwas, was ich – ohne die Bedeutung meiner Kinder, die für mich alles bedeuten, gering zu schätzen – als den Beginn meines Lebens als eigenständige Person in Deutschland bezeichnen kann. Über meinen Mann, der als Übersetzer und Dolmetscher arbeitete, bekam ich Kontakt zu dem, was man die „libanesische Community“ nennen kann. Das waren natürlich viele Bürgerkriegsflüchtlinge, Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und dies nicht aus freiem Willen getan hatten, wie das bei mir der Fall war. Ich sah, wie diese Menschen kämpften. Sie hatten ihre Wurzeln im Libanon, lebten nun abgeschnitten in einem anderen Land. Ich bin eine energische Person und schnell nach meiner Ankunft in Deutschland war mir klar: Es ist kein guter Zustand, im Übergang zu leben. Wenn man in Deutschland lebt, dann muss man sich integrieren. Dauerhaft fremd sein, macht krank. Deshalb besuchte ich auch die Gottesdienste der örtlichen Pfarrkirche. Und wissen Sie was? Ich war nicht fremd. Ich war verwandt, denn ich teilte die Gebete, den Ritus zwar nur in Teilen, aber immerhin –ich war ein Teil. Und diese großartige Pfarrgemeinde hat mich genau das erleben lassen: Du bist ein Teil von uns!   

Was haben Sie dann getan, was folgte aus Ihren Überlegungen?

Mein Sohn kam in die Grundschule – und dort gab es eine Lehrerin, die mich und meine Ideen sehr unterstützte. Ich fing an, in der Hausaufgabenbetreuung mitzuarbeiten, heute arbeite ich hauptamtlich in der Offenen Ganztagsschule. Und ich freue mich jeden Tag darüber. Nicht nur, weil ich mit großartigen Kindern und Kolleginnen und Kollegen zu tun habe, sondern auch, weil ich weiß, wie viel Glück ich gehabt habe. Denn keines meiner Examina ist anerkannt worden. Und dennoch kann ich das tun, was einigermaßen meiner Qualifikation entspricht. Dafür braucht es Menschen, die bereit sind, sich einzulassen –auf Fremdheit, auf Notwendigkeit – und die vertrauen. Das Vertrauen, das ich immer in mir trug, ist zu mir zurück gekommen. Deshalb kann ich auch ohne Bedauern zurück blicken.  Natürlich hätte ich noch einmal studieren können – aber wäre ich damit heute glücklicher? Das weiß ich natürlich nicht. Das einzige, was ich weiß: Ich bin glücklich und kann kleinen Menschen auf ihrem Weg ins Leben helfen.

Nun haben Sie ja nicht nur das getan. Sie sind zusätzlich Mitinitiatorin der maronitischen Gemeinde gewesen. Wie kam es dazu und was hat sie dabei bewegt?

Sehen Sie – man kann in keinem Land dauerhaft als Fremder leben. Das tut dem Menschen selbst nicht gut – und der Gemeinschaft, in der er lebt, auch nicht. Nicht der eigenen und nicht der, in die man einwandert. Mir war, ab dem Zeitpunkt, zu dem entschieden war, dass ich nach Deutschland auswandere, klar, dass ich in Deutschland leben werde – und nicht ausschließlich in der eigenen Community. Ich wollte nicht immer dem Licht der Levante hinterher trauern – ich wollte Licht im Leben anderer sein, wie es die Lehrerin meine Sohnes so wunderbar formulierte. 

Sie gründeten die maronitische Mission 2012 mit. Fühlten Sie sich in Deutschland noch nicht ausreichend zu Hause?

Das war gar nicht die Frage. Ich fühlte mich in der Pfarrgemeinde, in der ich lebte, immer willkommen. Aber es war natürlich so, dass der römisch-katholische Ritus sich von dem maronitischen Ritus unterschied. Fragen Sie einen französischen Christen, ob er sich, wenn er im französischen Sprachraum groß geworden ist, wirklich im deutschen Vater Unser findet. Natürlich ist es das gleiche Gebet – aber Sprache ist mehr als unmittelbare Bedeutung – sie ist Gefühl und macht so viel mehr aus als der pure Ritus. Sie ist in diesem Sinne mehr als Ritus und mehr als in diesem Sinne Sprache – sie ist Geborgenheit und Heimat. Ich wollte mit der maronitischen Gemeinde eines erreichen: Heimat – im neuen Land mit neuer Sprache und neuen Gebräuchen und dennoch einer Verwurzelung in dem, woher man kommt und das in einem sehr viel ursprünglicheren Sinn Heimat ist, als man es rational beschreiben kann. 

Sie sagten mir einmal, Heimat sei ihre Mutter. Was meinten Sie damit?

Das größte Missverständnis ist es, Heimat für einen Ort zu halten. Heimat ist kein Ort – Heimat ist eine Verbindung. Heimat ist dort, wo ich mich auf etwas eingelassen habe. Deshalb ist für mich Düsseldorf heute Heimat. Wissen Sie, als Kind habe ich keine Wahl – Heimat ist dort, wo meine Nächsten sind. Aber wenn ich – aus welchen Gründen auch immer – mich von diesen Nächsten entferne – sollte dann nicht Heimat sein, wo ich neue Verbindungen knüpfe? Und das war mein Beweggrund, die maronitische Gemeinde mit zu gründen. Ich selbst wollte Heimat fühlen – und ich wollte sie als Angebot, auch allen anderen zeigen.

Was heißt es für Sie, das zu zeigen?

Ich bin im Libanon geboren. Jesus ist in der Nachbarschaft auf die Welt gekommen. Sehr wahrscheinlich hat er bei seinen Wanderungen auch heutigen libanesischen Boden berührt. Verstehen wir heute, was das bedeutet? Jesus gehört niemandem – Jesus gehört uns allen! 

Und was heißt das konkret für die maronitische Mission?

Das ist ganz einfach: Es heißt: Wir sind da! Wir sind da für Euch, die Ihr da seid, wir sind da für Euch, die Ihr zu uns kommen wollt, wir sind da für Euch, die Ihr Euch in der Diaspora einsam und fremd fühlt. Dieser Satz „Wir sind da“ ist für das Ankommen so unglaublich wichtig. Die maronitische Mission ist ein Licht für die, die aus der Heimat vertrieben sind und einen Halt suchen und einen Ort und Menschen, die vielleicht, wenn es gelingt, Heimat  werden kann. Und es ist wichtig, immer im Auge zu behalten, dass wir nicht uniform sind. Wir sind unterschiedlich. An unserem Beispiel der Libanesen heißt das: Wir kamen zu unterschiedlichen Zeiten, aus unterschiedlichen Beweggründen, wir kommen auch aus unterschiedlichen Riten, sogar aus unterschiedlichen Religionen – aber wir teilen etwas. Und dieses Etwas ist so wichtig. Es ist Liebe, es ist Respekt für das Andere, so dass es möglich wird, bei aller Eigentümlichkeit, Teil zu sein. Auch Teil der katholischen Gemeinschaft der Kirche Derendorf-Pempelfort. Pfingsten ist jedes Jahr wieder ein großes Fest, in dem deutlich wird, dass Gott uns alle gesandt hat und dass Gott uns unterschiedlich wünscht. 

Was ist das besondere am Pfingstfest für Sie und die maronitische Mission?

Wir sind alle hier. Wir leben aus dem einen Geist, der uns gesandt hat. Wir sind nicht die Fremden, die Obdach in einem Gotteshaus finden, sondern wir sind das Gotteshaus selbst. 

Das ist das Pfingstfest, was bedeutet das für das Leben außerhalb des kirchlichen Zusammenhanges?

Ich möchte, dass jeder, der hierher kommt, erlebt, dass etwas Neues beginnt. Und für diesen Neuanfang sind wir da. Jeder hat eine andere Herkunft, aber wir alle haben dieselben Wurzeln. Und das ist letzten Endes nicht die Sprache – nicht einmal dasselbe Licht, aus dem wir kommen. Die Wurzel, aus der alles kommt, ist die Liebe Gottes.  Er hilft uns, was immer uns als Widerstand auch entgegensteht,  gewiss zu sein: Er verlässt uns nicht, er wird kommen, wir erwarten ihn, er wird sein in Ewigkeit. 

Das war jetzt als Schlusswort ziemlich fromm – was würden Sie Menschen sagen, die kirchenferner sind?

Sucht Gemeinschaft. Handelt mit Respekt. Und aus all dem wird Gottesbeziehung erwachsen. Gott begegnet uns mir Respekt, wir sind sein Ebenbild. ER gibt uns Freiheit, übrigens auch die Freiheit, uns von ihm zu entfernen. Doch über alle einzelnen Menschen hinweg gibt es eine Botschaft: Gott ist Liebe, Gott will mit uns sein, er gibt uns Kraft.