Über Erwartung und Erwartungen

2-19 Artikel zur Erwartung 1 (Birgit Schaffrath)

von Regina Arndt

Erwartung – ein Wort, das laut Duden in zweierlei Hinsicht Bedeutung hat: Zum einen beschreibt es einen Zustand des Wartens und der Spannung, zum anderen eine vorausschauende Vermutung, eine Annahme oder Hoffnung. Erwartung kann positiv wie negativ besetzt sein. Sie kann nach vorne bringen, aber auch enttäuscht werden. Eine etwas antiquierte Verwendung nimmt „7x2“ wörtlich: In Erwartung sein – als synonym für Schwangerschaft.

Im Gespräch mit Hebamme Birgit Schaffrath wird schnell klar, dass Erwartung ein „Riesenkomplex“ ist, gerade, wenn es um Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden geht. Schaffrath, selbst Mutter von drei Kindern, arbeitet seit zwanzig Jahren als Hebamme und betreibt seit neun Jahren eine eigene Praxis in Pempelfort.
In der Schwangerschaft prallen viele Erwartungen aufeinander: die der Schwangeren, die der Familie, die des Umfelds. 
Birgit Schaffrath hat gelernt, mit all diesen Erwartungen umzugehen. Sie hilft dabei, die eigenen Erwartungen wahrzunehmen und zu sortieren: die überhöhten – aber auch die realistischen.

Die Erwartungen der werdenden Eltern und die an sie seien zum Teil enorm hoch, weiß Schaffrath. Vieles werde geradezu eventisiert. „Es gibt Familien, da muss dieses eine Kind etwas ganz Besonderes, ganz Tolles werden – was zugleich die Erwartungen an mich deutlich steigert. Manchmal spüre ich eine Erwartungshaltung mir gegenüber, als sollte ich die Familie bis zum Schulbeginn des Kindes begleiten und dabei auch noch rund um die Uhr erreichbar sein“, reflektiert die Hebamme.

Es wird gut!

Dabei seien besonders niedrigschwellige Angebote von den Frauen besonders gefragt: „Das merke ich, wenn ich zu einem Hausbesuch gehe, kleine Entwicklungen sehe und einfach sage: ‚Es wird gut!‘ Da merke ich dann an der Reaktion, wie dieser kleine Satz hilft. Es ist nicht die große Gerätschaft, der große Hokuspokus, sondern meistens sind es die einfachen Dinge: Rücken stärken, Rückversicherung geben, Eigenkompetenz stärken.“ Zuspruch und Begleitung seien wichtig, Bestärkung darin, eine gute Mutter zu sein, den gesunden Menschenverstand als Maßstab zu nehmen, dem Bauchgefühl zu trauen. Zuspruch, dass die ganze Gefühlswelt Platz haben darf –  nicht nur das Glück, sondern auch das Hadern und die Angst.

Enttäuschte Erwartungen sind wie Zombies

Erwartung sei manchmal ein Tunnelblick: Das muss jetzt genau so sein und werden! Dann sei manchmal die Sicht auf die wirklich hilfreiche Lösung blockiert, die außerhalb der bisherigen Vorstellungen liegt, aber letztendlich viel besser passt. Wer Erwartungen habe, müsse damit rechnen, dass sie nicht eintreten – was nicht heiße, man solle keine haben. 

Schaffrath spricht aus Erfahrung: „Man muss sich dessen bewusst sein, dass Erwartungen, besonders wenn sie sehr leuchtend, farbig und strahlend sind, eine enorme Fallhöhe schaffen können, wenn sie enttäuscht werden. Wenn ich eine überhöhte Erwartung vorsichtig als unrealistisch korrigiere, kann das auch eine große Erleichterung sein, besonders, wenn es Druck von den Frauen nimmt.“

Schaffrath fragt jede Frau zunächst, wie sie die Geburt empfunden habe: „Denn es ist nicht immer alles gut – und ich finde es wichtig, auch den enttäuschten Erwartungen Raum zu geben. Meiner Erfahrung nach sind die wie Zombies, wie Untote. Die kommen immer wieder, wenn man sie nicht einmal raufkommen lässt, sie in Worte fasst, ihnen Raum gibt.“

Nicht immer positiv – aber noch immer erfüllt

Sie sähe unterschiedliche Familienkonstellationen, unterschiedliche Lebensweisen und daraus entstehend unterschiedliche Erwartungen, verschiedene Wünsche. Alle sozialen Schichten, alle Altersgruppen, kulturelle Unterschiede. „Wir sehen glückliche Ausgänge, meist sehr Positives, aber manchmal, obwohl alles gut zu sein schien, auch Situationen, in denen es nicht gut ausgeht und in denen Familien ganz harte Schläge abbekommen, wenn zum Beispiel die Schwangerschaft früh endet oder kein gesundes Kind nach Hause kommt, obwohl die Erwartung da war, dass alles gut endet. Das geht auch mir nahe, das kann ich nicht mit meiner Tasche abstellen.“

Auch nach zwanzig Jahren erfüllt Birgit Schaffrath ihr Beruf. In der Summe seien viele Begleitungen als Hebamme wunderschön. Denn neben herausfordernden gäbe es auch viele schöne und hoffnungsvolle Erwartungen. „Was mich erfüllt ist, wenn es mir gelingt, die Familien auf ihrem Weg so zu begleiten, dass sie mich am Ende nicht mehr brauchen. Wenn ich sehe, wie diese Familie quasi als organisches Gewebe zusammenwächst und sich entfaltet – das ist einfach schön zu sehen.“

Advent, das heißt Erwarten

Im Advent über die Erwartungen an die Erwartung nachzudenken, hat ganz viel mit der Botschaft von Weihnachten zu tun. Christen feiern an Weihnachten die Geburt eines kleinen wehrlosen Kindes, des Sohnes Gottes. Jedes Entstehen von Leben ist nach wie vor ein Wunder, das nicht mit Worten zu beschreiben ist. Die biblische Geschichte von Weihnachten ist keine glattgezogene Situation. Wir machen sie nur meistens dazu.
Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass auch Maria zwischendurch mal hadernd gedacht und gefühlt hat: Erwartet hatte sie ihr Leben so sicher nicht.