Zeit für Entdeckungen

von Judith-Maria Gillies

2-20 Artikel zum Entdecken (Judith-Maria Gillies) (c) kath-derendorf-pempelfort.de

Bei solch einem Szenario dürften sich Kirchenbesucher von Sankt Adolfus sicher verwundert die Augen reiben: Aus dem Taufbecken schauen die Enden eines Fischernetzes und die Schwanzflosse eines riesigen Stofffischs hervor. Ein paar Meter weiter in einem Beichtstuhl liegen aufgeribbelte Mullbinden zwischen feuchten Taschentüchern und schwarzen Strickjacken. Und in der dunklen Marienkapelle nebenan untersuchen rund zwanzig Kinder mit Taschenlampe und Lupe aufgeregt flüsternd eine leere Weinkaraffe und einen weißen Tüllschleier auf Hinweisspuren. 

Ermittlungen in der Kirche 

Eine halbe Stunde zuvor  in der Sakristei hatte ihnen ihr Tippgeber, ein geheimnisvoller Mister X, per Brief den Auftrag gegeben, die Kirche „auf Schleierfetzen, ein altes Netz und Mumienbinden hin zu durchsuchen, um ein Rätsel zu lösen, das womöglich schon 2000 Jahre alt ist“.

Voller Eifer gingen die Grundschüler im Kirchenraum daraufhin auf Entdeckungsreise. Anderthalb Stunden später konnten sie Mister X stolz am Telefon berichten, das Rätsel gelöst zu haben: Alle Indizien stammten von Wundern, die Jesus vollbracht hatte: Das Fischernetz stand für den unerwartet reichen Fischfang am See Genezareth (Lk 5,1-11), die Mull- bzw. Mumienbinden stellten die Auferweckung eines Jungen dar, dessen Tod zuvor von der Trauergemeinde in schwarzer Kleidung und mit Taschentüchern beweint worden war (Lk 7,11-17). Und die Weinspuren in der Karaffe neben dem Brautschleier stammten von der Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser zu Wein verwandelt hatte (Joh 2,1-11). 

Ohne Frage: Die Mission „Tatortsicherung mit Mumienbinden“ war erfolgreich gelöst. Und das theologische Ziel der Stunde auch: Bei Jesus ist nichts unmöglich! Verantwortlich für das Knacken des Rätsels waren die Kirchendetektive, Erst- und Zweitklässler unserer Gemeinde, die seit Herbst vergangenen Jahres monatlich einen Fall rund um unsere Kirchen und unseren Glauben lösen.

(Informationen finden Sie hier!)

Und wie die kleinen Sherlocks das machen! Mit solch einem Eifer. Mit unbändiger Neugier. Und mit enormem Ehrgeiz. So zeigen sie uns Erwachsenen jedes Mal aufs Neue, wie spannend unser Glaube eigentlich ist, wie viele Impulse er uns fürs Leben geben kann und wie viel Neues er für jeden von uns bereithält. 

Machen wir uns doch alle
auf diese Entdeckungsreise 
rund um unseren Glauben auf! 

Wir sind herzlich eingeladen. Und wenn wir versuchen, die Geheimnisse mit den Augen der Kinder zu sehen, werden wir sicher manches aufspüren, das uns bislang verborgen geblieben ist. Rätsel rund um unseren Glauben und die Kirche gibt es sicher genug – auch für uns Erwachsene. Brechen wir also auf, ein paar davon zu ergründen. 

Wo wir diese Entdeckungsreise beginnen wollen, ist uns selbst überlassen. Manche von uns werden vielleicht spannende Erkenntnisse gewinnen, wenn sie die Bibel jeden Tag zufällig an einer anderen Stelle aufschlagen und einfach mal fünf Minuten auf dieser Seite lesen. 
Zufallsfunde jenseits gängiger Evangelien- und Lesungstexte halten sicher die eine oder andere Überraschung bereit, die den eigenen Glauben erfrischen und bereichern können.

Glauben in Gemeinschaft
Ebenso belebend für Geist und Seele könnten auch Bibelkreise sein – oder Exerzitien und Wallfahrten oder ganz einfach der Besuch der Sonntagsmesse. Wer seinen Glauben in der Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen einbringt und herausfordert, kann schnell Erkenntnisse gewinnen, die seinem Leben neuen Schwung, seinen Überzeugungen neuen Sinn verleihen. 

Andere von uns werden sich auf ihrer Entdeckungstour ihrem Gegenüber zuwenden – in der Nachbarschaft oder der Gemeinde. Wer genau hinschaut und zuhört, kann garantiert viel Neues aufspüren, das den Glauben vertieft. Menschen etwa, die man unterstützen kann. Prozesse, die man regeln, organisieren, bereichern kann. Talente, die man für das Wohl der Gemeinschaft einbringen kann.

Aufbruch ins Ungewisse
Der Zeitpunkt für den Aufbruch auf diese Entdeckungsreise könnte besser nicht sein. Kommen wir doch jetzt nach den Aufregungen der Weihnachtsfeiertage in den ersten Monaten des Jahres endlich wieder zur Ruhe. Nutzen wir den langsameren Wellenschlag der Zeit, neue Wege auszuprobieren. 

Mit dem Segen der Christnacht lässt es sich gut aufbrechen in unbekannte Gefilde. Allein sind wir nicht beim Reisen. Auch Maria und Josef haben sich mit Jesus aus Betlehem in eine unbekannte Zukunft aufgemacht. Wenn sie nur geahnt hätten, was sie noch alles erwarten würde ...

Für sie, wie für uns, ist Gottvertrauen der beste Wegbegleiter bei allen Neuentdeckungen. Wenn wir dazu wie sie noch den Mut mitbringen, uns auf Neues einzulassen, ist der erste Schritt getan. Keine Sorge: Gott wird bei allen unseren Erforschungen immer an unserer Seite sein. Folgen wir wie die Weisen aus dem Morgenland dem Stern. Dann werden wir sehen, dass er von Betlehem aus auch in unsere Welt strahlt und uns den Weg weist.

Ausrüstung und Lohn
Eine Sternenkarte brauchen wir dazu nicht – und eine Lupe oder eine Taschenlampe wie die Kirchendetektive auch nicht. Als Ausrüstung für unseren Aufbruch reichen offene Augen, offene Ohren und offene Herzen.

Als Lohn winkt uns Großes auf dieser Entdeckungsreise: Denn indem wir stets neu suchen, ergründen und hinterfragen, helfen wir mit, unseren Glauben wach und unsere Kirche lebendig zu halten. Wenn das kein Grund ist, sich aufzumachen … 
Gute Reise!