Der Große Advent

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von Michael Lauble

Weihnachten ist ein populäres Fest. Und die Zeit davor, der sogenannte Advent, vielleicht noch mehr: Die Geschäfte füllen sich, die Kunden drängen sich, die Veranstaltungen häufen sich, und sogar die Kirchen scheinen voller. Die bunten Krippen rufen Erinnerungen wach. Wir spielen Bethlehem nach und fühlen uns ein in die Menschen vor Christus, die den Messias erwarteten. Und manche rwarten ihn immer noch.

Aber wir? Haben wir es aufgegeben, auf den Messias zu warten? Er ist doch vor zweitausend Jahren gekommen. So sagt es Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16). Und wie ist es mit dem „Reich Gottes“, von dem in der Verkündigung Jesu immer wieder die Rede ist? Jesus sagt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21). Und mehrmals weist er auf das verborgene Wachstum des Reiches hin. Das Reich Gottes hat etwas Präsentisches – es ist gegenwärtig. Aber damit ist es nicht getan, denn es hat eine Dimension des Zukünftigen, wie Jesus in Gleichnissen veranschaulicht. Jesus selbst teilt das eschatologische Denken vieler seiner Zeitgenossen, und es ist ihm ernst damit: „Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht schmecken, bevor sie das Reich Gottes sehen, wenn es gekommen ist mit Macht“ (Mk 9,1). Und wenn Jesus die Herrschaft Gottes mit dem „Menschensohn“
in Verbindung bringt – „ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen“ (Mk 14,62) –, identifiziert er sich selbst mit dieser Gestalt, dem großen Kommenden der eschatologischen Zukunft.

Advent heißt Kommen

Wir leben schon in den letzten Zeiten, doch das Reich Gottes wird sich erst noch zeigen in einer Größe, die unserem Zugriff entzogen ist: Nicht wir schaffen das Reich Gottes – als weltweite Kirche oder als vollkommene Gesellschaft –, sondern Gott ist es, der die Zeit und den Ort und die Realität des Reiches bestimmt. Natürlich versuchen wir, uns das Ganze näher zu rücken, es irgendwie anschaulicher zu machen, es soll unserer Vorstellung von Wirklichkeit entsprechen, und es soll etwas sein, das wir selbst zustande bringen. Aber es entzieht sich unseren Begriffen und unserem Handeln. Nicht von ungefähr schlägt das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, ein grandioses Bild von einem neuen Himmel und einer neuen Erde auf, „denn der erste Himmel und die
erste Erde sind vergangen“ (Offb 21). So spannt sich der große dramatische Bogen zwischen der Geburt des Messias in einem Winkel
der Welt und seiner alles umgreifenden Wiederkunft.

Das christliche Prinzip Hoffnung

Die Grundspannung christlicher Existenz ist das Zugleich von Schon Jetzt und Noch Nicht, von Gegenwart und Zukunft. Das „Prinzip Hoffnung“ ist unbedingt christlich – jenseits seiner scheinbaren Erfüllung in ideologischen Konstruktionen oder seiner Erledigung durch die große Depression, die alles gleichgültig werden lässt. Von der ersten Ankunft des Messias, die in der Vergangenheit liegt und uns in der Gegenwart belebt und begeistert, zu seiner Wiederkunft, auf die hin wir leben, unerfüllt, voller Sehnsucht. Was wir erhoffen: die Aufhebung des Bösen und die Verewigung des Guten und dass die Mörder nicht über die Opfer triumphieren, dass wahre Gerechtigkeit
geschehe und doch alle gerettet werden – eine Utopie, die wir nicht widerspruchsfrei denken und deren Verwirklichung wir nur von Gott erhoffen können – in jenem zukünftigen Geschehen, das wir Sonntag für Sonntag im Glaubensbekenntnis ins Bewusstsein rufen, wenn wir von Jesus sagen: „Er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten“. Darauf hin zu leben – in einem
von Hoffnung genährten Glauben und in einer Praxis der Liebe – das heißt den Advent begehen.