Corona und Gott?

von Michael Lauble

In den vierziger Jahren des  20. Jahrhunderts wird die Stadt Oran von der Pest heimgesucht. So schildert es  Albert Camus in seinem Roman Die Pest bis ins Detail (das Kapitel II des Buches lohnt eine gesonderte Lektüre). Die Kirchenleitung beauftragt den Jesuiten Pater Paneloux im Rahmen einer Gebetswoche in der Kathedrale mit einer abschließenden Predigt. Der leidenschaftliche Christ sucht die große Katastrophe, die das ganze Leben der Einzelnen und der Gesellschaft umstürzt, theologisch zu würdigen. Er eröffnet seine Predigt mit dem Ruf: „Meine Brüder, ihr seid im Unglück, meine Brüder, ihr habt es verdient!“ Und seine Erklärung lautet: „Gott hat so lange sein Antlitz des Mitleids den Menschen dieser Stadt zugekehrt; jetzt hat er, des Wartens müde, enttäuscht in seiner ewigen Hoffnung, seinen Blick abgewandt. Des göttlichen Lichtes beraubt, sind wir jetzt für lange Zeit in die Finsternis der Pest gestürzt.“
Das ist die klassische Antwort auf die Frage „Warum?“ Sie konnte man schon angesichts der Großen Pest im 14. Jahrhundert hören. Gilt sie auch für die Pest des 20. Jahrhunderts, die Katastrophen der Gewalt und des Krieges in zahllosen Weltregionen? Und gilt sie gar für die Pest des 21. Jahrhunderts, die Corona-Pandemie in unseren Tagen?
Wir erleben das Wüten des Todes im Kreis unserer Liebsten, derer, die uns nahe standen, die Einengung unseres Lebens durch die Vorkehrungen gegen die Infektion. Es fehlt uns die Berührung, die Gesellschaft der anderen, wir beobachten das immer neue Scheitern unserer Versuche, die Pandemie zu beherrschen. Die „sachlichen“ Maßnahmen nehmen breiten Raum ein, alles scheint eine Sache der Organisation und der geschickten Anpassung an die Situation zu sein. Ist da noch Raum für eine religiöse Besinnung?
Ist es nicht erschreckend, von Gottes Zorn über die vielgestaltigen individuellen und kollektiven Verfehlungen der Menschen und von seiner Abkehr von der Schöpfung zu hören? In  seinem Strafgericht erscheint er als der Handelnde, und glauben wir ihn als den Allmächtigen, so ist er auch der Letztverantwortliche, ohne ihn geschieht nichts, was geschieht, selbst nicht die Pest. Dürfen wir ihn deshalb zur Rede stellen? Ihm den großen Vorwurf machen und die Schuld zuweisen? Oder können wir dem Wort von Ps 56,14 trauen: „Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen, hast meine Füße vor dem Straucheln bewahrt. So gehe ich meinen Weg vor Gott, im Licht des Lebens.“

Doch dieser Gott ist der schlechthin Jenseitige, jenseits unsres Fassungsvermögens. Wir, die Irdisch-Endlichen, können seine Gedanken nicht erfassen. Er bleibt der Ganz Andere. Wenn aber unsere Endlichkeit unserer Gotteserkenntnis und dem Versuch, das Geheimnis des göttlichen Wirkens zu erforschen, die unübersteigbare Grenze setzt, werden wir auf uns selbst zurückgeworfen. Dann werden uns die menschlichen Ursachen der „Pest“ sichtbar werden. Dass das Unheil von Gott geschickt sei, erweist sich als die große Ausrede, die uns entlasten soll. Denn wir Menschen sind es, deren Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit und Selbstsucht, deren Gier, Gewinnsucht und Gewaltbereitschaft Kriege erzeugt und die Grundlagen unseres Lebens gefährdet.
Was tun in dieser Lage? Was Christen  geboten ist: Hungernde speisen, Durstige tränken, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangenen beistehen... (Matthäusevangelium 25). Und das gilt gerade in Zeiten einer allgemeinen Notlage, einer übermächtig erscheinenden Katastrophe. Wenn das Christentum etwas mit Gott zu tun hat, dann in diesen menschlichen Vollzügen, in genau solchen Situationen. Mit Entschlossenheit das tun, was Christen geboten ist. Und gegen alle Widrigkeiten und trotz ständigen Scheiterns an dem festhalten, was in Lehre und Leben Jesu sichtbar wird. In der immer angefochtenen und doch immer währenden Hoffnung auf den „neuen Himmel und die neue Erde“, die der äußerste Horizont des christlichen Glaubens und Denkens sind.