Ursula Weißenfels (c) kath-derendorf-pempelfort.de

Bleib an meiner Seite

Liebe Christiane,
als du mich vor ein paar Wochen gefragt hast, ob ich für unser Magazin 7x2 etwas über „Bleib an meiner Seite“ schreiben möchte, habe ich darüber nachgedacht. 
Nach unserem Telefonat wurde mir dann allmählich deutlich, dass dieses Projekt „Bleib an meiner  Seite“ auch etwas mit dem Thema „Wüste“zu tun hat. Du erinnerst dich, wir waren zusammen mit unserer Gemeinde auf Pilgerfahrt im Heiligen Land und haben dort im judäischen Bergland die unmittelbare Erfahrung von Wüste gemacht: endlose Weite, atemlose Stille, Bei-sich-Sein …
Was hat das mit der Begleitung in der letzten Phase eines Menschenlebens zu tun? 
Ich will es dir gern im Folgenden zu sagen versuchen.
Achtsame Begleitung in der letzten Lebensphase ist ein ehrenamtliches Engagement in den Caritas-Altenzentren in Düsseldorf. Sie baut auf der Erfahrung auf, dass fast ausschließlich alte und hochbetagte Menschen, häufig ohne Verwandte und Freunde, ihre letzte Lebensphase in Pflegeeinrichtungen verbringen.
Du hast mich gefragt, wie ich an diese Aufgabe gekommen bin. 
In der „Runde der 15“, einem Treffen der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden auf Stadtebene, stellte Kerstin Artz-Müskens, die Koordinatorin für diesen Dienst bei der Caritas, dieses Projekt vor.
„Wie ein Kind in unsere Welt hineingeboren wird, so wünschen sich sicher auch die meisten Sterbenden, diese Welt wieder zu verlassen, begleitet von Menschen, die an ihrer Seite sind“, sagt die ehemalige   Hebamme Kerstin Artz-Müskens. 
Und ich war auf der Suche nach einem Ehrenamt, das unmittelbar mit Menschen zu tun hat.
Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, alte und demenziell erkrankte Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten. Auf diese Aufgabe bereitet der Caritasverband die zukünftig ehrenamtlich Mitarbeitenden in einem sechsmonatigen intensiven Befähigungskurs vor. Er umfasst  15 Abendveranstaltungen, 6 Tagesveranstaltungen und eine Hospitation.  In 120 Unterrichtseinheiten werden u.a. Themen wie die Auseinandersetzung mit Sterblichkeit, Tod, Abschied und Trauer in der eigenen Biographie, Aspekte der Kommunikation und Spiritualität, Wahrnehmung und Körpersprache, fachliche und rechtliche Aspekte im Kontext von Sterben und Tod behandelt. Neben dieser Hinführung finden während der Begleitung regelmäßig Praxistreffen, Supervision und Austausch in der Gruppe statt. Auch da mache ich die Erfahrung, mit dieser Aufgabe nicht allein gelassen zu werden.
Mindestens einmal in der Woche gehe ich ins Altenzentrum St. Hubertus-stift, um dort zwei alte Damen zu begleiten. Die Begleitung sieht sehr unterschiedlich aus. Während ich bei der einen Dame am Bett sitze, ihr etwas vorlese und vorsinge, mit ihr bete oder einfach nur die Hand halte, verläuft die Begleitung bei der anderen völlig anders. 
Hier besteht auch meinerseits Kontakt zu den Angehörigen. Dies ist ein wertvoller Aspekt der Sterbebegleitung und wird dankbar angenommen.
Für mich ist das Schwerste das Aushalten der Traurigkeit in der Begleitung.Jeder Sterbende ist ein Erwachsener und ein zutiefst Trauernder, trauernd um all das, was nicht mehr geht, um all das, was er in seinem Leben nicht verwirklichen durfte oder konnte. Hospizarbeit bedeutet, den Menschen in seiner Trauerarbeit zu begleiten und sie mit ihm auszuhalten.  
So steht immer die Bitte des Sterbenden im Raum: „Lauf nicht vor, lass mich nicht spüren, wieviel Kraft du noch hast; glaub nicht, du wüsstest alles, was mir gut tut.“ Und: „Bleib nicht zurück, lass mich nicht warten. Bleib an meiner Seite“.
Sehr berührt bin ich von einem meiner letzten Besuche wieder nach Hause gefahren. Eine der beiden alten Damen wirkte bei meinem Besuch sehr traurig. Als ich sie darauf ansprach, fragte sie mich: „Wer bin ich?“ Ich nahm sie in den Arm und erzählte ihr etwas aus ihrem Leben. Da lächelte sie und bedankte sich und konnte sich für einen kurzen Augenblick selber spüren, bevor das große Vergessen wiederkam.
Liebe Christiane, die Begleitung hat mich anspruchsvoller gemacht.
Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung mit der Auseinandersetzung der Endlichkeit des Lebens und wie kostbar unser Leben ist mit den positiven Aspekten des „Lebens in Fülle“, das uns zugesagt ist. Ich habe große  Hochachtung vor dem Leben der Sterbenden, an deren Seite ich bleibe. Daraus erwächst der Wunsch, versöhnt zu sterben mit allen Brüchen und Unfertigkeiten. Ich lebe in der Hoffnung, dass wir im Sterben von Gott mit offenen Armen aufgenommen werden, aufgrund seiner Zusage bei meiner Taufe.
Gebären und Sterben sind heilige Momente. Da steht für einen Augenblick die Zeit still.
Liebe Christiane, 
ich danke dir für dein Zuhören und wünsche mir, dass wir auch weiterhin ein Stück Leben miteinander teilen.
Deine
Ursula

„Bleib an meiner Seite“ - Begleitung in der letzten Lebensphase

Informationen zum ambulanten Hospizdienst in den Caritas-Altenzentren in Düsseldorf finden Sie im Internet unter:
https://caritas.erzbistum-koeln.de/duesseldorf-cv/ehrenamt__gemeindecaritas/ambulanter-hospizdienst/

Ansprechpartnerin:
Kerstin Artz-Müskens
Koordination ambulanter Hospizdienst
Kerstin.Artz-Mueskens@caritas-duesseldorf.de
0211 1602-1330 TEL

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