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75 Jahre - Eine Familie für die Kirchenmusik

Am 31.10.1946 wurde Josef Robrecht durch Pfarrer Hilvert dem Kirchenchor vorgestellt. Niemand ahnte damals, dass mit diesem Tag  der Name Robrecht in der Folgezeit – seit nunmehr 75 Jahren – bei der Kirchenmusik in Herz Jesu den musikalischen Ton angibt.
Es war gewiss kein Leichtes für den damals 23-jährigen, das Amt des  Organisten und Dirigenten von dem im Chor allseits beliebten und
geschätzten Hans Becker, der eine Arbeitsstelle an einem anderen Ort angenommen hatte, zu übernehmen.
Aber mit Ehrgeiz und Elan führte er den Chor und die Kirchenmusik in Herz Jesu zu ungeahnten Höhen.

Josef Robrecht, geboren in Bonn, hatte an der Musikhochschule Köln studiert und dort 1944 ein Notexamen abgelegt. Neben seiner Tätigkeit in Herz Jesu studierte er am Robert Schumann Konservatorium in Düsseldorf und holte 1954 seine Examina nach.
In dieser Zeit wuchs die Zahl der Sängerinnen und Sänger stetig, und es gelang Herrn Robrecht, einen Knabenchor zu gründen, der sich
vornehmlich dem Choral widmete, einem Spezialgebiet Robrechts. Eine sprudelnde Quelle an Informationen ist die stets ausführlich und sorgsam verfasste Chronik des Kirchenchores. In ihr spiegelt sich die herausfordernde Aufgabenstellung Josef Robrechts an sich selbst und den Chor, aber gleichzeitig auch die Freude und das Engagement der Sängerinnen und Sänger und die gemeinsame Hochstimmung nach gelungenen Aufführungen.

Die positiven Pressekritiken spornen zusätzlich an – das gilt damals wie heute. Erinnert sei an die großen Aufführungen:
• Händels „Messias“, erstmals 1957 aufgeführt
• Haydn: „Nikolai“- Messe und Große Orgelsolo-Messe
• Caldara: „Missa venerationis“
• Schubert „Messe in B-Dur, op.141“
• „Johannespassion“ von Schütz
• „Weihnachtsoratorium“ von Bach
• „Requiem“ von Mozart

Eine Besonderheit war die Erstaufführung der Messe von Igor Strawinsky während der Liturgie, die Josef Robrecht zur Feier seines 30-jährigen Dienstjubiläums ausgewählt hatte. Die Presse schrieb dazu: „Dem Chor der Herz Jesu Kirche bereitete diese komplizierte Aufgabe keine bemerkenswerten Schwierigkeiten, intonationssichere Geschlossenheit in den Einzelstimmen wie im Gesamtbild des rund siebzig Mitglieder umfassenden Chores war die Regel...“ Ein Lob für Herrn Robrecht und für uns! (Anm: Einige Chormitglieder
erinnern sich an diese Messe auch als „schräge Messe“).

Neben den kirchlichen Aufgaben begleitete er den Chor auch auf Ausflügen und den dazugehörigen musikalischen Beiträgen. Und nicht
zuletzt dirigierte er die weltlichen Aufführungen „Hair“ und „Anatevka“ sowie Ausschnitte aus „Zar und Zimmermann“, z. T. von Hanjo Robrecht am Klavier begleitet. Aber die Arbeit besteht nicht nur aus Konzerten und festlichen Messen, sondern vor allem aus der musikalischen Gestaltung der sonntäglichen Messen mit Orgelbegleitung oder auch a cappella – gerade letztere fordern den Kantor und die Sängerinnen und Sänger in besonderer Weise.

Mit Josef Robrecht verbunden ist auch die Geschichte der Orgeln in der Kirche Herz Jesu. Bei seinem Dienstantritt im Jahr 1946 stand in der Kirche eine kleine Notorgel, die aus den Resten der im Krieg zerstörten Orgel zusammengebaut worden, aber für die Kirche viel zu klein war. Bis 1948 wurde sie geringfügig erweitert, bis schließlich 1955 eine größere Orgel (Fa. Ernst Seifert) gebaut wurde. 1982 konnte die Chororgel – ein Wunschkind Robrechts und die Idee des früheren Pfarrers Moll – errichtet werden. Seit dieser Zeit singen wir
im Altarraum neben der Chororgel. Es war ungewohnt, und mancher von uns tat sich schwer, permanent der Gemeinde gegenüber  präsent zu sein. Ungeachtet dessen sind wir nun direkt in die Feier der heiligen Messe einbezogen - die Entfernung zur großen Orgel ist einfach zu weit. Die große Orgel war wegen der zu ihrer Bauzeit nur unzureichenden Baumaterialien mit der Zeit unspielbar geworden. Sie konnte nun erneuert, repariert, erweitert und 1987 feierlich eingeweiht werden.

Wie schon 1982 die Chororgel wurde auch die große Orgel zu Einweihung von Hanjo Robrecht gespielt. Er war maßgebend an der Planung und Registrierung beider Instrumente beteiligt. Durch den Bau der großen Orgel und der vorhandenen Chororgel war es möglich geworden, auch große Orgelliteratur zu spielen. Für Josef Robrecht war dies ein Kriterium, bei der bevorstehenden Neubesetzung der Stelle in 1988 „gegenüber dem Erzbistum zu begründen, dass wir wieder einen hauptamtlichen A-Musiker brauchen und nachzuweisen, dass Herz Jesu in Derendorf auf katholischer Seite ein kirchenmusikalischer Schwerpunkt ist“. Seine Argumente überzeugten, und mit der Anstellung seines Sohnes Hanjo Robrecht zum 1.7.1988 wurde auch ein Wunsch des Chores erfüllt.

Wir hatten sein Aufwachsen erlebt, so 1967 zur Feier des 60-jährigen Chorjubiläums, als er 4-händig mit seinem Vater, aber auch allein zwei Stücke auf dem Klavier vortrug. Seine Liebe zum Orgelspiel: „Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind neben meinem Vater saß und bewunderte, wie er mit beiden Händen und beiden Füßen die allerhöchsten und allertiefsten, die lautesten und die leisesten Töne zum Klingen brachte. Der Zusammenstellung der Klangfarben schienen dabei keine Grenzen gesetzt zu sein“ hatte ihn nicht mehr losgelassen. Aus dem bewundernden Kind war inzwischen ein hervorragender Organist geworden. Wir freuten uns auf die Zusammenarbeit mit dem jungen und engagierten Musiker. Wie zuvor unter Josef Robrecht sangen bzw. singen fortan seine Mutter Hubertine († 2017) als Sopransolistin und seine Schwester Gertrud (seit 1965) ebenfalls Sopran nach dem Dirigat des Sohnes bzw. Bruders.

Mit großem Engagement werden neben der Orgelmusik die Sängerinnen und Sänger des Chores gefordert. Schließlich soll Herz Jesu
eine „Hochburg der Kirchenmusik“ bleiben, mit Orgel- und Chormusik. Dabei legt Hanjo Robrecht besonderen Wert darauf, Werke aufzuführen, die einzigartig sind, die nach langer Zeit in Herz Jesu eine Uraufführung erleben oder deren Noten irgendwo verschollen waren. Mit Akribie stöbert er in Archiven und Bibliotheken nach solchen Kompositionen. Fündig geworden, redigiert er unter großem Zeitaufwand die handschriftlichen Kompositionen, damit wir proben und in festlichen Hochämtern mit Solisten und Orchester diese  Werke aufführen können. Zu diesen Komponisten zählen u.a. Ferdinand Schubert, François Giroust, Pietro Pompeo Sales, Ignaz
Holzbauer, Joseph Eybler, Johannes Ritschel, Georg Reuter, Giuseppe Schuster. Selbstverständlich werden die „alltäglichen“ Aufgaben darüber nicht vernachlässigt.

Die Hiobsbotschaft am 19.12.2001, dass die Kirche Herz Jesu wegen des drohenden Einsturzes des Gewölbes sofort geschlossen wurde, traf uns alle. Die Orgeln mussten ausgebaut bzw. gegen eindringenden Staub geschützt werden. In diesen Jahren (bis Ende 2004) lernten wir Hanjo Robrechts Organisations- und Improvisationstalent kennen. Seit dem 13.1.1988 sind die alljährlich stattfindenden „Winterlichen Orgelkonzerte“ in Düsseldorf ohne ein Konzert in der Kirche Herz Jesu nicht denkbar. Gerade bei diesen
Konzerten gibt es immer wieder Unvorhergesehenes - Unerwartetes. Dies gelingt Hanjo Robrecht durch die Auswahl der Werke und auch durch die Kombination der Orgel mit anderen Instrumenten, z.B. Schlagwerk, Trompete, Akkordeon, was zu unglaublichen, manchmal körperlich spürbaren Klangerlebnissen bei den begeisterten Konzertbesuchern führt.
Aus allgemein bekannten Gründen konnte das Konzert in diesem Jahr nicht stattfinden und gemeinsames Singen und Musizieren ist nicht erlaubt. Aus der Not heraus hat Hanjo Robrecht fantasievoll mit viel Einsatz und Mut die moderne Technik sich und uns für die gesamte Pfarrgemeinde (Podcast 7x2) zunutze gemacht.

Beim „Gemeindesingen online“ können sich alle beteiligen, man sieht sich zwar, aber man hört sich nicht. Dennoch vermittelt es durch die verbindenden Worte und die Klavierbegleitung immer wieder ein Gemeinschaftsgefühl. Eine Kostprobe des ausgefallenen Konzerts ist in einem Podcast zu hören. Zum Weihnachtsfest erschien eine Meditations-CD, u.a. auch mit Chorgesang, die online aufgenommen wurde.

So lassen seit 75 Jahren Vater und Sohn Robrecht, jederzeit unterstützt von Ehefrau / Mutter Hubertine und Tochter / Schwester  Gertrud, mit der Kirchenmusik in der Kirche Herz Jesu, heute Teil der Katholischen Kirche Derendorf Pempelfort, „Töne zu Musik“ werden. 

Adelheid Meusen
Quellen: Chronik des Kirchenchores mit Anlagen und eigene Erlebnisse/Erfahrungen