Dies ist auch unsere Kirche. Unsere Kirche, die wir mitgestalten. Weil wir bleiben.

24.05.19, 23:55
  • Blog Pfarrgemeinderat
gewählte Mitglieder des Pfarrgemeinderats

Mai 2019

Der nachfolgende Text ist auf Initiative einiger PGR-Mitglieder entstanden und von vielen Mitgliedern dieses Gremiums unterzeichnet.

Wir haben uns nicht bemüht, einen abgewogenen Text zu verfassen, der allen Interessen gerecht wird - im Zentrum des Schreibens stand das Bedürfnis, unserer Zerrissenheit und unserem Ringen Ausdruck zu verleihen.

 

Man kann in der gegenwärtigen Situation der katholischen Kirche sitzen bleiben und mit verdeckten Augen still hoffen, dass das Dunkel irgendwann vorbeizieht. Man kann sich auch zum Gehen entscheiden, weil so Vieles nicht mehr auszuhalten ist. Beides ist legitim und für jeden einzelnen eine sehr persönliche, häufig schwere Entscheidung.

Wir, die wir diesen Text unterzeichnen, können nicht mehr sitzen bleiben und so das System stumm mittragen. Wir können aber auch nicht gehen, weil wir noch immer die Sehnsucht haben, mit unserem Glauben hier zuhause zu sein.

Wir wollen aber zumindest aufstehen und unsere durch Irritation, Unmut und auch Zerrissenheit geprägten Gefühle in Worte fassen und diese auch an diejenigen richten, die in unseren Augen nicht richtig handeln.

 

Eines der zentralen Elemente unseres Glaubens ist die Liebe. Immer wieder wird sie in der von Jesus verkündeten Frohen Botschaft zitiert. Die Evangelien beschreiben einen Mann, der sich seines Charismas und seiner Fähigkeiten wohl bewusst war, der allerdings nie zur Selbstüberschätzung neigte, auch wenn ihm dies gerne von seinen Gegnern unterstellt wurde. Er kam aus einfachen Verhältnissen und blieb sein Leben lang bescheiden. Außergewöhnlich war sein Bedürfnis, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Er unterschied nicht zwischen Frau und Mann, reich und arm, Schuld und Unschuld. Heutzutage würde man ihn wohl als weltoffen, aber im positiven Sinne auch als radikal bezeichnen. Es störte ihn nicht, wenn andere in seinem Namen predigten, denn im Kern ging es ihm um die Weitergabe der Botschaft und nicht um sich als Verkünder.

Viele Menschen glauben an diesen Jesus und fühlen sich durch ihn inspiriert. Sicher wird es kaum einem gelingen, immer alles im rechten Sinne des Evangeliums zu tun – aber viele von uns haben den Anspruch, selbstkritisch immer wieder neu Augen, Ohren und Herz zu öffnen und es zumindest zu versuchen.

 

Knapp 2000 Jahre später scheinen nicht wenige der katholischen Spitzenhäupter - Männer, die durch ihre Weihe die Vollmacht erhalten haben, im Namen Jesu zu handeln - einem anderen Evangelium zu folgen. Zumindest wäre dies eine Erklärung für die teils ungeheuerliche Diskrepanz zwischen dem gepredigten Wort und ihrem Handeln. Wenn es sich um einzelne Gläubige handeln würde, könnte man sagen, dass es in einer großen Gruppe von Individuen immer unterschiedliche Strömungen gibt, die es auszuhalten gilt. Aber hier sprechen wir von Menschen, die viel Macht haben und großen, regierenden Einfluss auf unsere Kirche nehmen – und dabei wohl nicht wahrnehmen wollen, dass ihre Handlungen von vielen Gläubigen als lebensfeindlich empfunden werden.

Macht ist zu einem zentralen Element in der katholischen Kirche geworden. Nicht ungewöhnlich in einer großen Organisation – sinnvoll eingesetzt kann sie viel Gutes bewirken. Der Umgang mit großer persönlicher Macht ist nicht trivial; bescheiden zu bleiben und sich nicht zu überhöhen häufig schwierig, erst recht, wenn man von anderen ob seines Status bewundert wird. Eine Herausforderung für Priester, die in der Nachfolge Jesu leben, und nicht immer wird sie gemeistert. Manchmal entwickelt sich ein verqueres Selbstbild, das nicht viel Platz für Selbstkritik lässt. Die Distanz zum einfachen Gläubigen wird dann immer größer, bei manchen Kardinälen noch verstärkt durch so triviale Dinge wie das tägliche Tragen ihrer Soutane und die Verwendung einer distanziert wirkenden Sprache, in der sich Bibelzitate mit phrasenhafter Rede durchmischen. Häufig entsteht der Eindruck einer völlig weltfremden Spezies. Aber sollten Priester, egal welches Ranges, nicht eigentlich nahbar wirken wollen? Wie soll denn unter solchen Umständen flächendeckend eine Augenhöhe zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen entstehen, wie sie z.B. für den pastoralen Zukunftsweg vorgesehen ist?

Gleichzeitig erstaunt es nicht, dass die Kluft zwischen Priestern und Laien und den jeweiligen Weltbildern manchmal riesig ist, wenn man weiß, dass die Priesterausbildung in einigen Bistümern noch heute von Autorität und Gehorsam geprägt ist. Schilderungen von Priestern, die ihre Ausbildung beendet haben, sind teilweise erschütternd. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben der Priesteramtsanwärter scheint nicht erwünscht. Da ist die Rede von Abbruchraten bis zu 80%. Ist es nicht befremdlich, wenn in einer von Liebe geprägten Religion diejenigen maßgeblich mit konservativer Strenge ausgebildet werden, die anschließend liebevoll für Menschen da sein sollen, welche ein komplett anderes Leben führen?

Am Tiefpunkt angelangt ist die katholische Kirche mit dem Aufdecken ihres Umgangs mit dem sexuellen Missbrauch. Spätestens hier stellt sich die Frage: Was hat das noch mit dem Christentum zu tun? Was ist das für ein Selbstverständnis, in dem Menschen sich eines Verbrechens schuldig gemacht haben und ohne Konsequenzen und Rücksicht auf potentielle weitere Opfer weiterarbeiten dürfen? Und was sind das für Täter, die sich die eigene Schuld und Schwäche nicht eingestehen, um in der logischen Konsequenz nicht mehr nach Anerkennung auf dem priesterlichen Weg zu suchen, sondern einen Alternativweg für sich zu wählen? Hier wurde und wird womöglich immer noch mit zweierlei Maß gemessen. Geschützt wurden die falschen. Wie konnte es nur passieren, dass die Verantwortlichen, die primären wie auch die sekundären Täter, nicht die in einem tiefen Glauben an die Heilslehre Christi verankerte und verwurzelte innere Unabhängigkeit hatten, um unsere Kirche im Sinne Jesu zu entwickeln - für den es NIE eine Frage war, sich auf die Seite der Schwachen zu stellen.

So etwas erschüttert das Grundvertrauen zutiefst. Die Frage: "Warum bist Du noch in der katholischen Kirche?" ist momentan nur mühsam zu beantworten. Wir alle, die wir noch hier sind, werden genötigt, diesen katastrophalen Umgang mitzutragen.

Der Unwille vieler Bischöfe, aktuelle Erkenntnisse und berechtigte Entwicklungen zu akzeptieren, irritiert und schmerzt von Jahr zu Jahr mehr. Müssen in unserer Kirche Frauen immer noch Menschen mit minderen Rechten sein? Jesus ist ihnen ohne Vorbehalte und mit einer für seine Zeit geradezu revolutionären Offenheit begegnet. Die Kirche aber hat diese Haltung nicht fortgeführt, sondern ist im Mittelalter stecken geblieben. Muss Homosexualität wirklich noch problematisiert werden? Von einer Institution, die von einem weltoffenen Menschen gegründet wurde? Und muss dem eigenen  Personal immer noch vorgeschrieben werden, wie es sexuell zu leben hat? Ist das nicht arg entmündigend? Man macht es sich zu leicht, wenn man sagt, die jungen Priesteranwärter hätten doch gewusst, worauf sie sich einlassen. Können das ein paar Lebensjahre später noch immer alle tragen?

Wir wollen Teil einer weltoffenen Gemeinde sein, die allen Menschen, ganz gleich welchen Lebensentwurf sie für sich gewählt haben, mit Respekt begegnet. Wir würden es gerne sehen, wenn gleichgeschlechtliche Paare selbstverständlich gesegnet würden und wenn Wiederverheiratete ohne großes Tamtam die Kommunion empfangen dürften. Dies darf aber nicht offiziell geschehen, weil es gegen die Regeln unseres Erzbistums verstößt und in ihm arbeitende Pfarrer womöglich Konsequenzen befürchten müssten. Gleichzeitig bekunden Mitarbeiter desselben Erzbistums Verständnis für unseren Ärger über den Konservatismus und geben uns die Empfehlung, unsere Wünsche doch unter dem Radar umzusetzen. Wir wollen aber nicht unter dem Radar handeln! Weil uns damit das Gefühl gegeben wird, all die genannten Handlungen entsprängen einer bösen oder falschen Absicht. Sie kommen aber ausschließlich von Herzen, und wir sind in unserem Glauben der tiefen Überzeugung, dass sie einfach nur richtig sind.

Nichts von dem, was hier formuliert ist, ist neu. Im Gegenteil wurde es bereits häufig, wieder und wieder, gesagt. Es ist fast ermüdend. Je mehr Vollversammlungen und Konferenzen der Bischöfe, national wie international, mit nur vagen Statements enden, je mehr Zeitungsartikel von Kardinälen erscheinen, in denen die Bejahung einer neuen Lebenswirklichkeit als falscher Weg gedeutet wird, je mehr Zeit also ohne einen Willen zur wirklichen Veränderung vergeht, desto größer die Gefahr, dass die Worte immer bitterer und zusammengesetzt zu wütenden Abrechnungen werden. Wer hohe Austrittsquoten beklagt, sich aber weigert, die Schmerzpunkte klar zu adressieren, hat nicht verstanden, was auf dem Spiel steht.

Wir erheben mit diesem Text unsere Stimme und tun dies auch in der Hoffnung, dass der Gesamtklang aller derzeit mehr werdenden Stimmen eines Tages nicht mehr überhört werden kann.

 

Dies ist auch unsere Kirche. Unsere Kirche, die wir mitgestalten.

Weil wir bleiben.

 

 

(in alphabetischer Reihenfolge)

Gerlinde Ahlbäumer, Anna Arning. Christiane Benker, Anna Bergolte, Torben Bergolte, Albert Beyer, Friedhelm Brentano, Lis Arntraud Dieterich, Bettina Dust, Brigitte Dykoff, Edith Fieger, Silvia Florian, Gabi Gante, Athena Gavrides, Rita Gutsfeld, Ingrid Haas, Yvonne Haupt, Wolfgang Holsteiner, Stefanie Hoppe, Christian Jendreiko, Lydia Kaffka, Matthias Kaffka, Dieter Kaspari, Angelika Klinke, Eva Koch, Renate Köntges, Ellen Krekeler, Barbara Krug, Matthias Lahme, Maria Mesrian, Angelika Peters, Katharina Posten, Brigitte Pudelko, Anne Purrio, Helen Quarg, Karin Reitenberger, Dorothea Scherle, Annette Schmid, Rene Schmidt, Anne Schmitz, Peter Schmitz, Agathe Schüren, Sr. Barbara Schulenberg FC, Gerlinde Schulte, Hannelore Schulten, Peter Schulte-Zurhausen, Bianka Schurse, David Schurse, Dirk Schurse, Jake Schurse, Sophie Segbers, Sieglinde Sommer, Lothar Sprick, Jürgen Streng, Patrick Wamper, Ansgar Warneke, Hubertus Wefel, Michael Westhoff, Matthias Wetterau, Jürgen Wiener

 

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war der Text von vielen gewählten Mitgliedern des PGR unterzeichnet...inzwischen hat er weitere Befürworter erreicht, die sich mit ihrer Unterschrift angeschlossen haben.

Die Unterzeichnenden freuen sich über jede hinzukommende Stimme. Kontakt

 

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