sieh mal an! – mit Kultur unterwegs

Ausstellung K20 (c) kath-derendorf-pempelfort.de
2. Führung am Sonntag, 2. September

Viele Fäden gesponnen zu einem großen Ganzen – zu einer ganzen Welt

Fäden, gewirkt, Strukturen, Texturen, sie können eine ganze Welt repräsentieren. Das zeigen uns schon die als „Schaufäden“ – Tzitzit – bezeichneten Fransen, die, dem Alten Testament folgend, an jedem Kleidungsstück eines frommen Juden, das vier Ecken oder mehr aufweist, zu tragen sind. Sie haben Erinnerungsfunktion, die Gebote und Verbote, 613 an der Zahl, einzuhalten. Die Fäden, sie sind sichtbar und sollen auch sichtbar sein. Zeichen, Zierde, Ausdruck von Selbstbewusstsein, Zugehörigkeit und Stolz, jüdisch zu sein. Doch wer weiß schon genau zu sagen, welche Bedeutung Fäden, Fransen, Farbe oder Material haben. Welche jüdische Strömung welche Eigenart hat, die Fäden zu verknoten, eine Kunst, die heute nur noch wenige beherrschen.

Der jüdische Gebetsschal Tallith, an dem die Tzitzit angebracht werden, ist an sich nicht von religiöser Bedeutung. Er bekommt sie erst durch die Fäden an seinen vier Ecken. Groß soll er sein, der Tallith, ein Kleidungsstück, nicht ein Schal im eigentlichen Sinne. Der Beter soll sich von ihm umhüllen lassen, so, wie es früher die Gewänder taten, die, über den Kopf zu ziehen, aus einem glatten Tuch bestanden und mit ihren vier Ecken bis an den Boden reichten. Als diese Art der Kleidung keine Verwendung mehr fand, war die Geburtsstunde des Tallith, genauer gesagt des Tallith gadol, gekommen: die des großen Gebetsschals. Er soll den Tag über an die Einhaltung der von Gott gegebenen Gebote und Verbote, die dem Erhalt der Freiheit dienen, erinnern. Um diese nicht zu vergessen, wird der Tallith zum werktäglichen Morgengebet, dem Schacharit, umgelegt, ebenso am Morgen des Sabbats und an Jom Kippur, dem Versöhnungstag und höchsten Feiertag im Judentum. Um den ganzen Tag über die Aufmerksamkeit auf die Ge- und Verbote zu erhalten, tragen viele Juden den kleinen Tallith, Tallith katan genannt, eine Art kurzer Poncho, der unter der Kleidung getragen wird, die Fäden jedoch sichtbar preisgebend. Ihn tragen schon kleine Jungen, denn sie sollen ab einem Alter von ca. 3 Jahren an diese Beachtung der Gebote gewöhnt werden. Im Alter von 13 Jahren, zur Bar Mitzwa, erhalten sie dann neben den Gebetsriemen auch den großen Gebetsschal. Je nachdem, welcher jüdischen Strömung man abstammt, wird der Tallith aber auch erst zur Vermählung überreicht. Und wenn er stirbt, wird der fromme Jude in seinem Tallith beerdigt, nachdem man die Tzitzit abgeschnitten hat. Denn er braucht nun keine Ge- und Verbote mehr einhalten, er ist aufgegangen in Gottes Ewigkeit. Die Schaufäden des Talliths stehen für die 613 Vorschriften, die ein gläubiger Jude einzuhalten aufgerufen ist. Dabei, für Außenstehende so nicht erkennbar, bildet das Wort „Tzitzit“ die Zahl 600 ab, denn jedem hebräischen Buchstaben ist ein Zahlenwert zugeordnet. Jedes Bündel Fäden besteht aus 8 Fäden, die mit 5 Doppelknoten zusammengefügt sind. Somit ergibt sich aus 600 + 8 + 5 die Summe von 613, was eben der Anzahl dieser Ge- und Verbote entspricht.

Das Anziehen des Talliths geschieht unter Küssen des Schalrands und Gebet, in dem Gott für die Gabe der Ge- und Verbote gedankt wird: „Gelobt seist du, Ewiger, Gebieter der Welt, der du uns geheiligt durch deine Gebote und uns geboten hast, uns in Tzitzit zu hüllen.“ In vorgeschriebener Weise wird der Schal über den Kopf und die Schultern gelegt, sodass der Beter davon umhüllt ist wie von Gottes Heiligkeit. So, wie es in Psalm 139 heißt: „Du umgibst mich von allen Seiten und hältst deine Hand über mir.“ Es sind die im Schal symbolisch dargestellten Vorschriften, die dem Schutz und der Heiligkeit des Lebens dienen. Sie sind Gabe Gottes und sie umkleiden denjenigen, der seine Gebete spricht. An bestimmten Stellen des Gebetes ist der Beter aufgefordert, wie zur Bekräftigung, die Tzitzit in die Hand zu nehmen oder zu küssen. Ein sinnlicher und sehr verehrungsvoller Gebetsakt. Er erinnert zugleich an Mose, der sein Gesicht verbarg, als er auf heiligem Boden am brennenden Dornbusch stand, oder Elija, auch er bedeckte sein Gesicht in der Begegnung mit Gott. Es ist aber auch Zeichen von Intimität zwischen Gott und Mensch im Gebet. Selbst im gemeinschaftlich-synagogalen Gebet ist so die Sphäre persönlicher Angesprochenheit gewahrt. Das Material rein, weiß, koscher, deshalb auch vor dem Anziehen des Talliths die Aufforderung, die Fäden zu entwirren und auf Vollständigkeit zu überprüfen.

Eine ganze Welt und Haltung, die sich in Material, Anordnung und Gewirktheit der Fäden zu einem Ganzen, einem Schal, einem Gebetsschal, das ein Kleidungsstück darstellen soll, verbirgt. In der Einfachheit und Schlichtheit, die manchmal durch Silberplättchen am Kopfrand, die eine Krone andeuten, auch sehr kostbar anmuten kann, kommt eine ganze Weltsicht zum Ausdruck. Sie erschließt sich vor allem durch Erspüren und Tun dem, der sich ihr zuwendet, sich einhüllt in das Geheimnis Gottes und ganz darin aufgeht.

Eine verborgene Welt und Wirklichkeit wird auch in der Kunst der Anni Albers (1899-1994) sichtbar. Die protestantisch getaufte Anni, deren Mutter einer deutsch-jüdischen Familie entstammt, tritt, nachdem ihr als Frau die Dresdner Akademie für Malerei verschlossen blieb, in die Kunstgewerbeschule in Hamburg ein…

Pastor Heribert Dölle

Gewebte Fäden. Anni Albers im K20 Düsseldorf

Anni Albers wurde 1899 in Berlin geboren und verstarb 1994 in Orange, New Haven. Neben Louise Bourgeois (1911-2010) und Agnes Martin (1912-2004) in den USA gehörte sie auch in Europa mit Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) zu den bedeutendsten Künstlerinnen im 20. Jahrhundert. Sie war Weberin, Designerin, Lehrerin und abstrakte Grafikerin. Früh fand sie den Weg in den Vorkurs der Bauhaus-Schule in Weimar. Ihre Lehrer waren Paul Klee und Wassily Kandinsky. Als oberstes Ziel war hier die trennende Unterscheidung zwischen freier und angewandter Kunst aufgehoben. So wurden die Wechselwirkungen beider Bereiche aufeinander fruchtbar.

Mit dem Blick auf die Farben wechselte sie vom Öl zu den bunten Fäden aus Wolle und Seide beim Weben. Jetzt glitten die bunten Garne zwischen ihren Fingern gezielt und spielerisch ins Feste. Anni Albers folgte der eigenen Sprache der Fäden nach Kette und Schuss und überließ ihnen sensibel wie konstruktiv materialbedingte Verläufe. So entstanden ganz neue Textilien. Bekannt ist ein lichtreflektierendes, schalldämpfendes und leicht zu reinigendes Material aus Baumwolle und Cellophan für die Fenster einer Aula. Mit solchen Produktionen verhalf sie etlichen neuen Stoffen den Weg in Industrie und Alltag.

Anni Albers erneuerte das Verständnis der Handweberei, indem sie es formal begriff als eine Methode zur Herstellung biegsamer Flächen aus Fäden, die sich rechteckig verschlingen. Mit solchen Formulierungen formte sie als Weberin Lehre und Profession. Kaum hatte sie ihr Bauhausdiplom, übernahm sie die Klasse ihrer Werkstattleiterin, da Gunta Stölzl ihre Position aufgab. Doch schon 1933 schlossen die Nazis kurzerhand das innovative Bauhaus als Kunstschule. Mit vielen Lehrern verlor auch sie ihre Arbeit. Noch im selben Jahr aber erhielt ihr Mann, der Bauhauslehrer Josef Albers, einen Ruf an das Black Mountain-College in Ashville, North Carolina. Anni begleitete ihn. Bald darauf entschieden sie sich, in die USA zu emigrieren. Kurz darauf erhielt auch sie einen Ruf, am legendären College mit dem Aufbau einer Textilklasse zu beginnen.

Für Anni Albers war das Gewebte nie nur etwas Nützliches zum bewegten Tragen und Vorführen, sondern vor allem zum bewundernden Schauen. Sie glaubte an das, was sie stets in Gesprächen wiederholte, dass gerade Fäden ein expressives Medium sein könnten, um in die Tiefenschichten der Kunst mit dem Weben des Sinns einzutauchen. Wenn Fäden richtig in gute Farbfelder hinein verwebt würden, fänden sie leicht in ein stimmiges, flexibles Ganzes und begännen, wie Töne zu vibrieren, wie Gesänge.

Dem Lebenswerk von Anni Albers ist eine präzis aufbereitete Retrospektive in Düsseldorf gewidmet. Sie entfaltet die subtile Welt dieser Weberei, als Handwerk und als Kunst. Mit den Flächen und Farben dieser großen Künstlerin intoniert sie deren komplexes und vielfältiges Oeuvre in stets klar geordneten Räumen und überraschenden Nachbarschaften. Dabei wird auch deutlich, wie wegweisend für ihre weitere künstlerische Entwicklung die Entdeckungen der präkolumbianischen Kunst in Mexiko und Peru geworden waren. Zahlreiche Reisen unternahm sie zusammen mit ihrem Gatten dorthin. Sie wurden für beide zu einer wichtigen Inspirationsquelle, weil sie diese Kulturen als Ursprungsländer der Abstraktion begriffen. Josef Albers war von den erfrischenden Farbkombinationen angetan, Anni von den geometrischen Webmustern. Viele Kompositionen gingen daraus hervor.

Aus konservatorischen Gründen ist allerdings das unbestrittene Hauptwerk von Anni Albers erst ab 1. August für gut einen Monat zu sehen, die Six Prayers (1965-66), eine Auftragsarbeit des Jüdischen Museums in New York. Es sind sechs Gebetsschals, Talliths, aus einem lebendig gemischten Gewebe aus Baumwolle, Bast und reflektierenden Silberfäden. Wie ein in sich verschlossenes Schriftbild wirkt das Werk, das dem Gedenken an die Opfer des Holocausts gewidmet ist. Wie nach dem Tod eines Juden üblich, sind die Schaufäden, die Tzitzits, an den vier Ecken abgeschnitten. Der Tote wird nur in seinem Gebetsschal begraben. Zusammen mit seiner ernsten Widmung bauen die Six Prayers, diese sechs Gebete, eine tiefe spirituelle Stimmung auf, die dem Gedenken an die Opfer klageliedartig entspricht, beredt und ausdrucksstark zugleich.

Anni Albers, K20 Kunstsammlung NRW, Düsseldorf,  9.6.-9.9. 2018, Katalog 36€.                                          

Pater Friedhelm Mennekes SJ

 

Pater Mennekes bietet am Sonntag, 2. September, um 13.50 Uhr eine zweite Führung durch die Ausstellung an, Treffpunkt ist in der Eingangshalle. Es ist nur der normale Eintrittspreis (12,- Euro) zu bezahlen. Wegen der begrenzten Teilnehmerzahl bitten wir um eine Anmeldung im Pastoralbüro.

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